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Krötenparadiese in Not : Von wegen große Sprünge

Rhombophryne longricus im hellen Licht. Bild: Frank Glaw

Überraschungen am laufenden Band: Die Fülle an neuen Lurchen in den Tropen wächst atemberaubend. Doch freuen können sich darüber nicht einmal die Entdecker selbst.

          2 Min.

          Es könnte ein Fest sein für Entdecker und Abenteurer, eine zoologische Schatzsuche mit Erfolgsgarantie, Partylaune in einem fort - wenn, ja wenn da nicht mit jedem neu entdeckten Tier auch jedesmal die traurige Gewissheit aufstiege: Das war's dann wohl schon bald. Die Rede ist von der Arbeit einiger unermüdlicher Herpetologen, die sich in den artenreichen Tropengebieten der Erde und in den Jahrhunderte alten Sammlungen der Welt umsehen und immer wieder die Erfahrung machen: Die Vielfalt ist um vieles größer als gedacht, atemberaubend geradezu; aber fast alles, was heute noch gefunden wird an neuen Tierarten, ist, kaum dass man es wissenschaftlich beschrieben hat, sofort vom Aussterben bedroht. 

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Beispiel Madagaskar: Die Diamantkröte Rhombophryne longicrus aus Madagaskar zeigt, weshalb die ostafrikanische Insel eine weltweit nahezu einmalige Experimentierkammer der Evolution ist. Der ungewöhnliche Lurch, klein und braun wie seine allernächsten Verwandten innerhalb der Gattung, macht praktisch alles anders: Statt sich mit kurzen Stummelbeinen und dank der Höcker an Zehen und Füßen in den Boden einzugraben und somit vor allem die Trockenzeiten in wohlig feuchter Umgebung zu überdauern, sucht diese neue Art der „Diamantkröten“ das Weite mit Hilfe von langen, schlanken Sprungbeinen. Ein plumper Gräber wurde zum eleganten Springer - und zu einer eigenen Art.

          Entdeckt wurde er von Forschern der Zoologischen Staatssammlung München. Mark Scherz aus der Gruppe von Frank Glaw hat die neue Kröte in der Zeitschrift „Zoosystematics and Evolution“ beschrieben. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass die Amphibien der Gattung Rhombophryne zwar genetisch eng verwandt, aber anatomisch erstaunlich variabel sind. Die langbeinige Diamantkröte gehört zu den mittlerweile mehr als dreihundert Lurcharten, die auf Madagaskar entdeckt und wissenschaftlich beschrieben wurden. Anfang der neunziger Jahre waren der Wissenschaft kaum mehr als 130 Amphibienarten bekannt. In den Sammlungen der Zoologen warten derzeit noch gut zweihundert weitere Froscharten auf ihre Beschreibung. Die meisten von ihnen sind wie die langbeinige Diamantkröte auf extrem kleine Verbreitungsgebiete begrenzt und gelten deshalb schon zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung als vom Aussterben bedroht.

          Nicht viel anders in Westafrika. Beispiel Säbelzahnfrosch. Bislang war eine einzige, in der Spritzwasserzone lebender Regenwaldart bekannt: Odontobatrachus natator aus Guinea. Ein Lurch, der endemisch ist, nur in der westafrikanischen Region vorkommt, nirgends sonst. So wie auch die allermeisten madagassischen Frösche endemisch sind und in ihrem Verbreitungsgebiet oft nur auf ein paar Quadratkilometer begrenzt sind. Der Säbelzahnfrosch hat, abweichend von allen anderen Lurchen tatsächlich zahnartige Fortsätze im Unterkiefer und gebogene Zähnchen im Oberkiefer. Die Kaulquappen sind mit einem Saugmal ausgestattet. Ein absoluter Spezialist, die einzige Art einer sehr speziellen Lurchenfamilie - dachte man seit der Erstbeschreibung vor hundertzehn Jahren. Bis eine internationale Forscherguppe um Michael Barej vom Berliner Museum für Naturkunde viele verschiedene Tiere aus den Regenwäldern Westafrikas und in den Museen genauer unter die Lupe nahm. Die Auswertung der morphologischen und genetischen Variation hat gezeigt: Es gibt mindestens vier Arten von Säbelzahnfröschen.

          Wie sich die Tiere in der freien Wildbahn unterscheiden, welche ökologischen Nischen sie besetzen und was sie in ihrer Lebensweise unterscheidet, all das ist noch völlig unklar. Ob man es jemals herausfinden wird, hängt nicht nur davon ab, ob Herpetologen sich dem jüngst von Ebola heimgesuchten Gebiet vorwagen werden, sondern vor allem vom Verhalten der Menschen in der Region. Die Frösche kommen ausschließlich noch in den verbliebenen Regenwaldfragmenten entlang schnellfließender Gewässer mit Stromschnellen und Wasserfällen vor. Die Frösche seien „durch den fortschreitenden Lebensraumverlust im oberguineischen Diversitäts-Hotspot vom Aussterben bedroht“, schreiben die Berliner Herpetologen.     

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