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Kommentar : Stiller Kollaps

  • -Aktualisiert am

Das Aussterben dieser Art muss der Mensch nicht bedauern Bild: REUTERS

Der Mensch bricht die Erdoberfläche um und leert die Ozeane. Das wird zu einem rasch voranschreitenden Schwund genetischer Vielfalt führen, was ähnlich wie der Klimawandel mehr ins Bewusstsein der Staats- und Regierungschefs gerückt werden sollte.

          Dass Dinosaurier wie der Brachiosaurus brancai ausgestorben sind, muss man als Mitglied der Säugetierklasse nicht bedauern. Den Planeten mit Riesenechsen zu teilen wäre hart. Doch wie ist es für andere Spezies, den Planeten mit dem Menschen teilen zu müssen? Am Berliner Naturkundemuseum - im Schatten des frisch restaurierten riesigen Brachiosaurus brancai - fiel die Antwort auf diese Frage nun alarmierend aus: Der Mensch bricht die Erdoberfläche um und leert die Ozeane.

          Biodiversitätsfachleute aus aller Welt diagnostizierten einen rasch voranschreitenden Schwund genetischer Vielfalt und warnten abermals vor erheblichen Bedrohungen für Tier-, Pflanzen- und Pilzspezies, verursacht durch den Menschen. Dieser Versuch, aus Anlass des G-8-Gipfels dem Schwund der Lebensvielfalt zu ähnlicher politischer Prominenz zu verhelfen, wie sie der Klimawandel bereits hat, ist äußerst verdienstvoll. Denn dass neuerdings alle Welt - samt Regierungschefs und Vorstandsvorsitzenden - über einen möglichen Klimawandel redet, aber der so stille wie reale Kollaps biologischer Diversität kaum noch Aufmerksamkeit findet, stellt eine gefährliche Unterlassung dar.

          Bisher nicht viel Erfolg gehabt

          Vor fünfzehn Jahren, beim Umweltgipfel von Rio, stand die Biodiversität noch im Mittelpunkt, eine eigene Konvention zu ihrem Schutz wurde in Kraft gesetzt. Viel Erfolg war dieser freilich bisher nicht beschieden. Die Vertragsstaaten verrannten sich in Kontroversen über den Handel mit gentechnisch veränderten Pflanzen und verloren Megathemen wie den Schutz von Regenwäldern, Feuchtgebieten und Korallenriffen völlig aus dem Blick. Versuche, den Schutz natürlicher Ökosysteme kommerziell profitabel zu machen, blieben vielerorts erfolglos.

          Zwar gibt es auch gute Nachrichten: Viele Schutzgebiete und Schutzprojekte funktionieren, zudem erweist sich das Netz des Lebens oft resistenter gegen Eingriffe als gedacht. Das von Biodiversitätsforschern befürchtete menschengemachte Massenaussterben ist deshalb aber noch lange nicht abgeblasen, ganz im Gegenteil. Zahlreiche existentielle Dienstleistungen der Natur für den Menschen stehen auf dem Spiel. Aus diesem Grund muss der Schutz der Biodiversität zu den vorrangigen Themen künftiger G-8-Spitzentreffen zählen, gleichgewichtig mit dem Klimawandel. Dazu wäre es nötig, dass Biodiversitätsforscher endlich ein standardisiertes weltweites Messnetzwerk aufbauen, um aussagekräftige Daten vorlegen zu können. Sie müssten sich ähnlich lautstark zu Wort melden wie die Klimaforscher. Ein seriöses Forum für sie, vergleichbar dem Weltklimarat IPCC, gibt es bisher aber nicht. Es ist höchste Zeit dafür.

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