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Züchtung von Katzen : Sie kann auch ohne uns

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Anders als beim Hund hat der Mensch nie versucht, der Katze bestimmte Wesenszüge oder ein spezielles Verhalten anzuzüchten. Es gibt Hirtenhunde und Jagdhunde, Hof-, Kampf- und Schoßhunde, aber nur einen einzigen Katzentyp, der die längste Zeit seines Daseins verschläft. Den Rest verbringt er mit Putzen und Beutefang. Freundliches Schnurren und ab und zu eine tote Maus als Geschenk – mehr darf der Besitzer nicht von seiner Katze erwarten.

Hauskatze ist nicht domestiziert

Als domestiziert gilt ein Tier erst, wenn der Mensch vollständige Kontrolle über dessen Fortpflanzung, Territorium und Ernährung erlangt hat und den Kontakt zu wilden Artgenossen nachhaltig verhindert. Für die stinknormale Hauskatze trifft dies alles nicht zu. Vielleicht hat ihren Vorfahren eine Eigenschaft gefehlt, die Evolutionsbiologen mit dem Begriff „Präadaptation“ bezeichnen. Möglicherweise waren sie gar nicht besonders zähmungswillig, andere Vertreter der Familie der Felidae wären unter Umständen geeignetere Kandidaten gewesen.

Anthropozoologen der University of Southampton haben Zoowärter befragt, welche Kleinkatzen von sich aus Kontakt zum Menschen suchen. Die östlich der Anden vorkommende Kleinfleckkatze Oncifelis geoffroyi, die südamerikanische Pardelkatze Leopardus wiedii, der in Süd- und Mittelamerika lebende Ozelot Leopardus pardalis und der afroasiatische Karakal erwiesen sich als besonders zutraulich. Aber dort, wo diese Kleinkatzen heimisch sind, wurden in historischer und prähistorischer Zeit nur das Meerschweinchen, das Lama und das Alpaka domestiziert. Ein Bedarf an häuslichen Mäusefängern scheint in diesen Weltgegenden nicht existiert zu haben.

Versuche, „Designer-Katzen“ zu züchten

Die Anpassungsleistung, die Hausschwein und Haushund, Turbo-Huhn und Kuh längst hinter sich haben, steht der Katze erst noch bevor. Gerade mal hundert Jahre alt sind die Versuche, definierte Rassen zu züchten. Bislang ging es dabei um ästhetische Belange wie Farbe, Muster und Länge des Fells, Kopfform, Körperbau oder Augenfarbe. In jüngster Zeit gab es Bemühungen, sogenannte Designer-Katzen zu züchten. Manches davon erwies sich als Schwindel, wie die mehrfach angekündigte hypoallergene Katze einer kalifornischen Firma, der ein entsprechendes Gen fehlen soll. Auch die „teuerste Katze der Welt“, angeblich durch Kreuzung mit einem Kleinleoparden entstanden, war in Wirklichkeit eine Zeitungsente.

Züchter von Rassekatzen sind überzeugt davon, das Wesen ihrer Tiere beeinflussen zu können. Die Ragdoll soll besonders gelassen und entspannt sein, was sich unter anderem darin äußert, dass sie, auf den Arm genommen, schlaff wie eine Stoffpuppe herunterhängt. Dem Vernehmen nach kann man ihr sogar beibringen, wie ein Hund zu apportieren. Besitzer von Abessinierkatzen schwören Stein und Bein, dass ihre Lieblinge besonders intelligent und loyal sind. Und Bombays sollen sich gern an der Leine führen lassen.

„Wir sind Stars, holt uns hier raus“

Der Mensch mag von solchen Entwicklungen profitieren. Ob es langfristig auch im Interesse der Katze liegt? Domestikation geht immer mit dem Verlust von körperlicher und geistiger Fitness einher. Diese Art von Inzuchtdepression führt zwangsläufig zum vermehrten Auftreten von Erbkrankheiten. Weiße Katzen mit blauen Augen sind häufig taub. Perserkatzen mit ihren extrem flachen Gesichtern leiden unter chronischem Tränenfluss. Schwanzlose Katzen wie die von der Isle of Man stammende Manx gelten in Ländern wie Deutschland sogar als Qualzucht, die nach dem Tierschutzgesetz verboten ist.

Katzen, sagt eine Legende, wissen alles. Sie gehen damit nur nicht hausieren, weil sie außer „miau!“ nicht viel von sich geben. Könnten Rassekatzen lesen und schreiben, würden sie vielleicht Plakate hochhalten. Mit der Aufschrift: „Wir sind Stars, holt uns hier raus.“

Begriffe der Vererbungslehre für Züchter von Katzen

Mit den Mendelschen Regeln allein kommt man nicht weit, wenn man die Vererbung erklären soll. Am Beispiel der verschiedenen Fellfarben und -muster im Katzenreich wird das deutlich.

Dominanz herrscht beispielsweise bei der Haarlänge. Kurze Haare (L) sind dominant über lange (l), die in der Sprache der Genetiker als rezessiv vererbt bezeichnet werden. Eine Katze, die beide Merkmale von ihren Eltern geerbt hat – man nennt das mischerbig oder heterozygot (Ll) –, ist also stets kurzhaarig. Verpaart man sie mit einer Langhaarkatze, die reinerbig (homozygot) ist (ll), trägt die eine Hälfte des Nachwuchses kurzes und die andere langes Fell. Unvollständige Dominanz findet sich beim Gen, das für weiße Felltupfer verantwortlich ist (S). Es gibt Katzen, die gar keine besitzen (ss), nur wenige, typischerweise an den Pfoten und auf der Brust (Ss), oder weiße Tupfer, die mehr als die Hälfte des Fells ausmachen (SS).

Dominanzhierarchie prägt sich bei dem Gen aus, das für die Produktion des schwarzen Farbstoffs Eumelanin zuständig ist. Schwarz (B) ist dominant über Dunkelbraun (b), das sich vor allem bei Siam- und Burmakatzen findet und wiederum dominant ist über Hellbraun (bl), das in der Züchtersprache Cinnamon (Zimt) genannt wird.

Epistase bedeutet, dass ein Gen die Wirkung eines anderen Gens unterdrückt. Eine orangene Fellfarbe wird bei Katzen durch die dominante Form des O-Gens hervorgerufen, das zur Produktion von Phaeomelanin statt des schwarzen Eumelanins führt. Allerdings gilt dies nur für Kater, denn das Orange-Gen ist an das weibliche Geschlechtschromosom X gekoppelt. Kater haben nur eins davon und besitzen daneben ein männliches Y-Chromosom, folgerichtig sind sie entweder rezessiv schwarz (oY) oder dominant orange (OY).

Geschlechtsgebunden heißt in diesem Fall, dass eine weibliche Katze, die zwei X-Chromosomen trägt, sowohl rein orangenes Fell besitzen kann als auch eines, bei dem sich Schwarz und Rot abwechseln. Dass liegt daran, dass während der Embryonalentwicklung per Zufall entschieden wird, welches der beiden X-Chromosomen stillgelegt werden soll. Daraus können schwarze (oX) oder rote Körperzellen (OX) hervorgehen. Solche Katzen sind ein genetisches Mosaik, das entsprechende Muster nennt der Züchter „Tortie“ (von engl. „tortoiseshell“) oder Schildpatt. Dreifarbige „Glückskatzen“, die darüber hinaus auch noch weiße Tupfer besitzen, tragen außerdem die eine oder andere Kombination des unvollständig dominant vererbten S-Gens in sich.

Pleiotropie (oder Polyphänie) liegt vor, wenn ein einzelnes Gen für verschiedene Merkmale verantwortlich ist. Das dominante Gen W, das bei Katzen für ein vollständig weißes Fell sorgt, unterdrückt die Bildung von Melanozyten, die für die Produktion des Farbstoffs Melanin zuständig sind. Im Innenohr sind Melanozyten außerdem an der Weiterleitung der elektrischen Impulse beteiligt. Weiße Katzen, die heterozygote (Ww) oder homozygote (WW) Erbanlagen tragen, sind in der Regel taub.

Lethalgene können zum Absterben des Embryos oder zu schweren Behinderungen führen. Ein Beispiel ist das M-Gen, das bei Katzen für die Schwanzlänge verantwortlich ist. Die Kombination mm führt zu einem normal langen, die Kombination Mm zu einem verkürzten Schwanz, die Kombination MM ist tödlich. Vor allem die Manx-Rasse ist von diesem Defekt bedroht.

Polygenie herrscht bei den Fellmustern der Katze. Das Tabby-Gen in seinen verschiedenen Ausprägungen sorgt für das typisch gestreifte oder gebänderte Fell, das Agouti-Gen führt entweder zu schwarzem oder zu scheckigem Fell. Fellfarben und -muster werden außerdem durch zahlreiche Modifizierungs- oder Verdünnungsgene beeinflusst. Das exakte Erscheinungsbild einer Katzenkreuzung vorauszusagen ist selbst für professionelle Züchter eine Herausforderung.

Umwelteinflüsse spielen ebenfalls eine Rolle, wie die Temperaturabhängigkeit des Albino-Gens bei Siam- und Burmakatzen zeigt. Alles in allem kann ein Katzenzüchter nie sicher sein, was bei seinen Bemühungen herauskommt.

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