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Kampf um die Kokosnuss

Von JULIA BÄHR, Esperantina

29. September 2015. Im Nordosten Brasiliens leben Hunderttausende Frauen von den Kokosnüssen der Babassu-Palmen. Doch die Rodung der Wälder zugunsten von Monokulturen und die verspätete Zuteilung eigenen Landes gefährden ihre Lebensgrundlage.


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Franciscalera singt über ihren Kampf um die Palmen

„Die Palme ist wie eine Mutter“, sagt Francisca Rodrigues dos Santos. „Wir müssen uns nicht um sie kümmern. Sie kümmert sich um uns.“ Die Frau, die hier alle nur Franciscalera nennen, ist fünfundsiebzig Jahre alt. Ihre blauen Augen leuchten aus ihrem rundlichen Gesicht; in den grauen Locken trägt sie einen Haarreif mit einem perlenbesetzten Herz.

Franciscalera weiß, wovon sie spricht, wenn sie die Palme Mutter nennt. Denn die Kokospalme Babassu hat in den vergangenen Jahrzehnten viel für sie und etliche andere Frauen im Nordosten Brasiliens getan. Die Quebradeiras, wie sie sich nennen, sammeln in den Wäldern die herabgefallenen Nüsse ein, die etwa faustgroß und in Dolden an den Palmen gewachsen sind. Aus den Kernen machen sie Seife oder Öl, das zur Hautpflege oder zum Braten verwendet wird. Die harte Schale wird zu Holzkohle. Die dünne weiße Schicht dazwischen, genannt Mesocarpo, ergibt getrocknet und gemahlen ein Mehl, aus dem die Quebradeiras Brot backen. Sie bewahren es in Körben auf, die sie aus den Palmwedeln der Babassu flechten – genau wie die Dächer für ihre Häuser. Die Kokusnuss wärmt, sie ernährt, sie beschützt. Das bedeutet viel in dieser Gegend, die als das Armenhaus Brasiliens gilt.


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Was sie an Seife und Öl nicht selbst verbrauchen, verkaufen die Quebradeiras. Manche handeln privat in kleinem Rahmen damit: an der Haustür. Andere gründen Kooperativen und beliefern etwa den Kosmetikkonzern Body Shop mit ihrem Öl. Die Nuss selbst zu verwerten bringt den Quebradeiras viel mehr ein, als sie im Ganzen zu verkaufen: Eine Studie untersuchte das Einkommen von 113 Familien, das sich durch die vollständige Verarbeitung der Nuss um dreihundert Prozent erhöht hat. Das sorgt für den Lebensunterhalt vieler, die sonst keine Arbeit haben – denn die Babassu ist die Mutter der Armen. Deshalb kämpfen sie um ihren Erhalt und den Zugang zu den Wäldern, den Großgrundbesitzer und Unternehmen ihnen verwehren wollen.


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Lange war es so schambehaftet, die Kokosnüsse zu sammeln, dass manche Frauen es gar nicht zugeben mochten. Heutzutage lachen die meisten darüber. „Mein Sohn will nicht, dass ich noch in den Wald gehe“, sagt Franciscalera, „ich sage, solange ich laufen kann, gehe ich.“ Die Zahl der Quebradeiras wird auf 300.000 geschätzt. „Wo es Babassu gibt, gibt es auch Menschen, die von ihr leben“, sind sich alle einig. Sie sind selbstbewusst und stolz auf ihre Fertigkeiten beim Knacken und Verwerten der Nuss, durch die sie mehr verdienen als ihre Ehemänner. Sie treten für Frauenrechte ein, sie verhandeln mit Regierungsvertretern, sie verkaufen ihr Öl an Firmen, und sie schicken einige Quebradeiras als Gesangstruppe Encantadeiras de Coco durchs Land, deren Lieder von ihrem Leben und ihrem Kampf handeln:


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„Ich bin eine fleißige Frau,
Ich bin auch eine Brasilianerin
und auch ich bin Teil dieser Nation“


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Die Quebradeiras haben besondere Rechte. Im Bundesstaat Tocantins und einigen Regionen in Maranhão dürfen sie fremdes Land betreten, um die Nüsse zu sammeln. Das missfällt den Landbesitzern, die die Nüsse lieber direkt zu Holzkohle machen oder noch im weichen Zustand an ihre Tiere verfüttern würden – und auch jenen, die gar nichts damit anfangen, sie aber auch nicht abgeben wollen. In manchen Regionen gibt es Regeln, wie viele Babassu maximal gefällt werden dürfen. Die Landbesitzer unterlaufen sie, indem sie nur die fruchtbaren Bäume fällen. Die Palmen haben Lebensphasen, wie eine Frau: Erst im Alter von etwa 15 bis 19 Jahren beginnen sie, Nüsse zu tragen. Mit 50 verlieren sie ihre Fruchtbarkeit wieder. In diesem Stadium werden sie Coringa genannt. Ein Wald voller Coringa ist noch immer ein Babassu-Wald, doch er ernährt die Menschen nicht. Es gibt auch Männer, die die Nüsse sammeln und knacken – doch nur sehr wenige. Das ist historisch gewachsen. Die Männer erledigen meist die noch schwerere körperliche Arbeit, und die Frauen konnten sammeln und nebenbei gut auf ihre Kinder aufpassen.


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  • Die meisten Kinder gehen gerne mit ihren Müttern in den Wald – doch das Knacken der Nüsse lernen sie erst als Teenager
  • Die Nüsse werden erst verwertet, wenn sie von selbst vom Baum gefallen sind
  • Eine harte Schale verbirgt einen kostbaren Kern
  • Mit Äxten und Pflöcken knacken die Frauen die Nüsse
  • Die weißen Kerne bleiben bei dieser Behandlung weitgehend unbeschädigt

Die dreißigjährige Rosalva Silva Gomes, die heute für einen Zusammenschluss der Quebradeiras arbeitet, erinnert sich: „Meine Mutter ging mit mir, meinen drei Geschwistern und meinen fünf Cousins in den Wald. Es gab immer einen Bach in der Nähe, wir haben gespielt. Manchmal sind wir abgehauen und haben uns wieder einfangen lassen.“

Die meisten Frauen knacken die Nüsse in Ruhe zu Hause – alleine oder mit Nachbarinnen

Auch die Technik, mit der die Frauen die steinharten Nüsse zwischen einer am Boden festgeklemmten Axt und einem Holzknüppel mit wenigen Schlägen knacken, geben sie an ihre Kinder weiter. Früher nahmen sie sie dafür aus der Schule. Mittlerweile ermöglichen die Nüsse vielen Kindern eine Ausbildung – auch wenn einige danach neben ihrem Job weiterhin als Quebradeiras arbeiten.

Woher diese Tradition kommt, vermag niemand hier zu sagen. Sie war schon vor den Portugiesen da, so viel ist sicher. Die Sklaven übernahmen die Technik von den Ureinwohnern. Es ist etwas Besonderes in Brasilien, dass die Frauen mehr verdienen als die Männer. „Hier gilt die Frau noch als Eigentum“, erklärt die 62 Jahre alte Emilia Alves da Silva Rodrigues. „Viele Männer sagen, sie seien keine Machos. Sind sie doch. Aber wenn eine Frau eigenes Geld verdient, muss sie ihren Mann nicht um Erlaubnis fragen.“


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„Ich bin auf dem Weg in die Mittelschicht
eine ehrliche Frau muss bereit sein,
voller Stärke zu kämpfen“


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Dona Emilia lebt in der Region Bico do Papagaio im Bundestaat Tocantins, wo die Quebradeiras innerhalb der letzten dreißig Jahre allmählich zur gesellschaftlichen Bewegung wurden. 1986 wurde der Priester Josimo Morais Tavares ermordet, der dafür kämpfte, dass die Besitzlosen Land zugewiesen bekamen. „Er wusste, dass er sterben würde“, sagt Dona Emilia, die mit ihm befreundet war. „Er bat andere Priester, sich um seine Mutter zu kümmern. Sie wollten ihn wegschicken, aber er blieb. Er hat sein Leben für uns gegeben.“ Vor einer Kirche in Imperatriz erschoss ihn sein Mörder. Auch die Hintermänner der Tat wurden verurteilt: Großgrundbesitzer und ein Richter. Dona Emilia weint heute noch, wenn sie davon erzählt. Aber ab diesem Zeitpunkt traten die Quebradeiras selbst vehement für sich ein. Und immer standen die Frauen im Vordergrund. „Wir wollten unsere Männer beschützen. Wir hofften, sie würden eher davor zurückschrecken, uns Frauen zu ermorden.“


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  • Dona Emilia besitzt inzwischen ein eigenes Haus. Und ein zweites, in das zu ziehen sie sich noch nicht überwinden kann
  • Im Hinterhof stehen alle Gerätschaften zur Gewinnung des Öls bereit
  • Unter gewaltigem Getöse zermalmt diese Maschine die Kerne
  • BILDER D Die Maschine bringt Brösel, aber auch eine bereits ölige Masse hervor
  • Auf dem offenen Feuer wird die Masse erhitzt, anschließend lässt sich das Öl abschöpfen
  • Das abgefüllte Öl wird von den Frauen an Großabnehmer wie an Privatleute verkauft
  • Dona Emilia war mit dem Pfarrer Josimo befreundet und erzählt heute noch unter Tränen von ihrem gemeinsamen Kampf
  • In der Kirche des Ortes hängt ein Gedicht für Josimo neben seinem Porträt

Die Babassu-Palmen wachsen hauptsächlich in den vier brasilianischen Bundesstaaten Maranhão, Tocantins, Piauí und Pará. Es sind Gegenden, zu denen ein Armutsbericht der Regierung traurige Zahlen verrät: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft hier selbst für brasilianische Verhältnisse weit auseinander. Vielen gehört nicht einmal das Land, auf dem ihre Hütte steht. Eine Studie der Weltbank aus dem April dieses Jahres besagt zwar, dass nur noch vier Prozent der Brasilianer in extremer Armut leben. Doch deren Chancen, sich daraus zu befreien, stehen ohne eigenes Land schlecht. Den Grund dafür findet man in einem düsteren Kapitel der brasilianischen Geschichte. Zwischen drei und vier Millionen afrikanischer Sklaven holten die Portugiesen vom frühen 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ins Land. Sie wurden gezwungen, auf Zuckerrohrplantagen zu arbeiten, später auch beim Anbau vom Tabak und in Goldminen. 1850 wurde der internationale Sklavenhandel verboten, doch Brasilien hielt an der Ausbeutung der Verschleppten fest. Erst 1888 schaffte das Land auf immensen Druck der internationalen Gemeinschaft die Sklaverei ab – als eines der letzten der westlichen Welt.

Doch mit dem offiziellen Verbot war es nicht getan. Die ehemaligen Sklaven bekamen kein eigenes Land und damit keine Chance auf ein neues, selbstbestimmtes Leben. Die meisten von ihnen blieben, wo sie waren, und die Großgrundbesitzer nutzten das schamlos aus. Die 21 Jahre der Militärdiktatur bis in die achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts trugen nicht dazu bei, ihre Situation zu verbessern. Erst seit der Demokratisierung geht es bergauf, aber die Ungerechtigkeit ist vielen hier noch lebhaft im Gedächtnis. Francisca da Silva Nascimento, die achtunddreißig Jahre alte Chefin einer Kooperative von Quebradeiras, erzählt davon, wie ihre Familie die Kokosnüsse sammelte und an den Mann verkaufte, auf dessen Land sie lebte. „Doch er bezahlte kein Geld dafür, sondern gab ihnen Gutscheine für seinen eigenen Laden, in dem es manchmal gar nichts zu kaufen gab“, erklärt sie. „Manchmal hat meine Großmutter Nüsse vor ihm versteckt und heimlich an jemand anderen verkauft, sonst hätten wir nichts zu essen gehabt.“ Der Großvater arbeitete unterdessen noch immer unbezahlt für den Mann, obwohl die Sklaverei längst abgeschafft war. Dass viele einfache Leute nicht lesen konnten, spielte den Mächtigen in die Karten. „Wir lebten auf seinem Land, wir wussten nicht, dass wir Rechte haben“, sagt Francisca nachdrücklich.


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„Ich bin es leid im Elend zu leben,
ich habe es satt,
ich halte es nicht mehr aus,
ich brauche meine Freiheit“


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Geschichten von Unterdrückung haben viele der Frauen zu erzählen. Viele enden damit, dass Familien aus ihrer Heimat vertrieben wurden und in die Städte abwandern mussten, wo sie im Elend leben und sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen. Doch in Esperantina hat die Geschichte ein tröstliches Ende gefunden. Seit vier Jahren arbeiten hier fünfzig Familien zusammen und produzieren Mehl und Öl. Diese Erzeugnisse vervielfachen den Wert der Nüsse und das Einkommen der Familien. Das Haus, in dem sie die Kokosnüsse verwerten, nennen sie Vila de Esperança, Ort der Hoffnung – so heißt auch ihr Dorf. Lange lebte in diesem Gebäude ein Mann, der behauptete, das Land gehöre ihm. Alle Dorfbewohner mussten ihre Kokosnüsse bei ihm abliefern. Im Gegenzug bekamen sie Lebensmittel – so viel, wie er gerade geben wollte. „Oft schickten die Frauen ihre Männer, weil sie hofften, die würde er besser behandeln“, erzählt Josa Mendes da Silva Rodrigues, die Leiterin der Initiative. „Aber sie konnten den Männern nicht immer trauen, deshalb hielten die Frauen einen Teil der Nüsse zurück, falls die Männer das Geld für sich ausgaben.“ Diese Nüsse mussten die Quebradeiras heimlich verkaufen, denn der Landbesitzer überwachte sie. Wenn er jemanden verdächtigte, Nüsse zu behalten, schickte er seine Schläger – oder die Polizei, die ihm half, seine Machtposition zu wahren, wie die Frauen berichten.


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  • In Esperantina leben etliche Familien vom Mehl, das sie aus den Babassu gewinnen
  • Hier kommen die Äxte nicht mehr zum Einsatz – es geht industrieller zu
  • Vorsichtig legen die Frauen die weiße Zwischenschicht frei
  • Mit einem Pflock bearbeiten sie die Nüsse, bis die weiße Schicht abfällt
  • Drei Generationen hinter einer Ladentheke: Die Produkte werden an Ort und Stelle verkauft
  • Die Quebradeiras setzen sich für Frauenrechte ein – auch in der Vila Esperança hängt ein Plakat gegen häusliche Gewalt

Erst 1997 wendete sich das Blatt. Die Dorfbewohner erfuhren, dass das Land dem Mann schon längst nicht mehr gehörte. Er hatte es dem Staat verkauft. Ab diesem Zeitpunkt marschierten die stolzen Frauen mit ihren Kokosnüssen an ihm vorbei und verkauften sie auf dem Markt. Die Schikanen durch die Polizei ignorierten sie. Das erzählen sie heute voll Stolz. Schließlich sprach die Regierung ihnen das Land und das Haus zu. Heute liefern die Frauen den Schulen in der Region sechshundert Kilogramm Mehl pro Jahr, aus dem süßes Porridge für die Kinder zubereitet wird. Doch der Streit um das Land ist nicht vorbei: Die Kinder des ehemaligen Besitzers sind der Auffassung, er habe nur das Haus verkauft, und drohen den Quebradeiras mit Selbstjustiz, sollte die Entscheidung des Gerichts nicht in ihrem Sinne ausfallen.

Raimunda Gomes da Silva ist eine Berühmtheit unter den alten Quebradeiras. Sie hat ihr eigenes kleines Museum.

Der Verteilungskampf tobt noch immer heftig. Die Landreform von 1964, mittels derer das Land umverteilt werden sollte, das Großgrundbesitzer sich illegal angeeignet hatten, ist noch lange nicht abschließend umgesetzt. Legendär ist der Fall des 2008 verstorbenen Geschäftsmannes Cecílio do Rego Almeida, der sich eine Fläche von etwa 47.000 Quadratkilometer aneignete, bis die Regierung einen großen Teil davon zu öffentlichem Besitz erklärte. Trotz solcher spektakulärer Enteignungen warten nach Angaben der brasilianischen Landlosenbewegung MST noch 150.000 brasilianische Familien auf ein Stück Land. Zwar liegen Millionen Hektar Land brach, aber meist hat bereits ein Unternehmen seine Finger danach ausgestreckt. Das nationale Institut, das die Landreform umsetzen soll, stellte eine klare Tendenz der Verteilung fest: Gehörten 2003 noch 182 Millionen Hektar Großgrundbesitzern, waren es 2010 schon 265 Millionen Hektar.


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„Unsere Rechte verstecken sich,
es sieht fast so aus, als wären sie in dieser Welt verloren“


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Drei Parteien gibt es in Brasilien, die am Konflikt um die Landrechte beteiligt sind. Auf einer Seite stehen die Nachkommen der Sklaven und Ureinwohner. Manchen von ihnen wurde schon vor Jahren gerichtlich Land zugesprochen, doch bis man sich einig wird, welches Grundstück ihnen gehören soll, vergeht die Zeit. Auf der anderen Seite steht die Regierung, in diesem Bereich vertreten durch die Landwirtschaftsministerin Kátia Abreu, in der Gegend auch bekannt als „Kettensägenkönigin“. Sie hat mit der Rodung von Land im Süden ein Vermögen gemacht und ist groß im Soja-Geschäft. Damit steht sie der dritten Partei nahe: Konzernen wie Sozano, die riesige Flächen Land aufkaufen, alles abholzen und Nutzpflanzen ansiedeln. Teakholz, Soja, Bambus, Eukalyptus, so weit das Auge reicht.


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  • Für Teakholz werden viele Palmen gerodet – doch sie wachsen in den Lücken
  • Große Trucks prägen das Straßenbild, seit die Holzproduktion hier Einzug gehalten hat
  • Der größte Grundbesitzer in der Gegend ist die Papierfabrik Suzano

Viele Eukalyptusbäume nebeneinander wirken nur wie ein Wald. Wer hineingeht, nimmt sofort die Schattenseite der Monokultur wahr. Hier blüht und lebt nichts. Eukalyptus ist durstig, er lässt anderen Pflanzen kaum Wasser übrig. Für brasilianische Verhältnisse gibt es ganz erstaunlich wenige Insekten, daher auch keine Vögel. Wo in einem echten Wald dauernd etwas brummt, summt, zwitschert oder krabbelt, herrscht hier nur gespenstische Stille. Am Rand der nächsten Straße frisst eine Echse Hundekot. Ihre natürliche Nahrung gibt es hier nicht mehr.


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Dass die Industrie mit Unterstützung der Regierung große Flächen Land in Monokulturen verwandelt, ist nicht nur in der Amazonas-Region eine Gefahr für Natur und Bewohner. Dort gelten immerhin einigermaßen strenge Regeln zum Schutz der Natur, aber im Nordosten sind die Wälder nicht so dicht und prächtig, dass sie auf den ersten Blick erhaltenswert scheinen. Daher werden reihenweise Babassu abgeholzt oder durch Elektrozäune abgesperrt. Die absolute Zahl der Palmen in der Region sinkt nicht; sie füllen 27 Millionen Hektar Wald. Allerdings sind sie immer weiter von den Ansiedlungen entfernt und schwerer zugänglich.


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Eine Karte von Wissenschaftlern der Universität des Bundesstaates Maranhão, die auf die Problematik dieser Landnutzung aufmerksam macht, soll den achtlosen Umgang mit Land und Leuten erschweren.


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Palmen, Konfliktlinien, Stacheldraht – die Karte vermittelt einen umfassenden Eindruck

Im Juli wurde die Karte (PDF-Download) präsentiert – zeitgleich mit einer Karte der Regierung, die keinerlei Konfrontationslinien zwischen den Unternehmen und den Einheimischen sieht. Das liegt unter anderem daran, dass die Babassu aus der Luft nicht von anderen Palmen zu unterscheiden sind. Deshalb überflogen die Wissenschaftler die Gegend nicht mit Hubschraubern, sondern fuhren von Ansiedlung zu Ansiedlung. Die Quebradeiras halfen bei der Vervollständigung der Karte, die nicht nur das Vorkommen der Babassu anzeigt, sondern auch weitere Faktoren: Gebiete, die mittels Feuer bereits gerodet wurden. Hochspannungsleitungen, Elektrozäune, Rinderzucht. Ehemalige Dörfer, deren Anwohner umgesiedelt wurden, um Platz für große Unternehmen zu machen. Soja-Plantagen. Wälder, in denen Pestizide versprüht wurden – gegen Ungeziefer, das die Monokultur bedroht.


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Die Pestizide greifen auch die Babassu an, doch sie können sie nicht ausrotten. Wer an einer Teakholzplantage vorbeifährt, sieht immer wieder Palmwedel schräg zwischen den in den Himmel wachsenden Stämmen hindurch ragen. „Babaçu se vinga“, sagen die Frauen hier: Babassu nimmt Rache. Die Palmen kommen immer wieder.


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Rosalva Silva Gomes singt ein selbstkomponiertes Lied über die Babassu



Fotos und Videos: Julia Bähr;
Multimedia: Bernd Helfert;
Zitate aus dem Lied „Mulher Trabalhadeira“ von João Filho;
Liedübersetzung: Verena Haart Gaspar


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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 29.09.2015 13:55 Uhr