https://www.faz.net/-gwz-7tor6

Insektenkommunikation : Stille Post im Termitenbau

  • -Aktualisiert am

Termitenbau aufgenommen in Tansania Bild: Felix Hager

Termiten haben ein Alarmsystem, mit dem sie ihre Artgenossen schnell vor Feinden oder Gefahren warnen: Sie geben Klopfzeichen.

          3 Min.

          Termitennester haben mitunter mehr als eine Million Einwohner, die gemeinsam meterhohe Bauten errichten. Nicht nur für solche architektonischen Meisterleistungen muss die Verständigung innerhalb eines Termitenvolks funktionieren. Ernährung und Verteidigung erfordern ebenfalls eine effiziente Fernkommunikation. Neben chemischen Signalen sind dabei auch mechanische im Spiel.

          Wie Felix Hager und Wolfgang Kirchner von der Ruhr-Universität Bochum kürzlich beobachtet haben, schlagen nicht nur einzelne Termiten mit dem Kopf gegen die Wand, um ihresgleichen vor Gefahr zu warnen. Bei einem Forschungsaufenthalt in Südafrika haben die Biologen herausgefunden, dass einige der so alarmierten Insekten prompt reagieren, indem sie ihrerseits Alarm schlagen. Dank dieser lebendigen Verstärker kann sich die Nachricht über beachtliche Entfernungen verbreiten.

          Vorsicht Erdferkel im Anmarsch

          Als Forschungsobjekt diente den beiden Forschern Macrotermes natalensis, eine jener Termitenarten, die in ihren Bauwerken ausgedehnte Pilzkulturen anlegen. Um dort nahrhafte Sprosse ernten zu können, müssen die Termiten das Pilzgeflecht entsprechend versorgen. In unterirdischen Gängen, die rings um den Bau eine Fläche von bis zu zweitausend Quadratmeter erschließen, schwärmen die lichtscheuen Insekten aus, um trockene Blätter und Halme einzusammeln. Übrigens leisten sie dadurch - nicht nur in südafrikanischen Savannen - einen wichtigen Beitrag zum Recycling abgestorbener Pflanzenteile.

          Vor den meisten Nachbarn, die Appetit auf Termiten haben könnten, bieten die aufwendigen Erdbauten ausreichend Schutz. Spezialisten wie Erdferkeln und Schuppentieren gelingt es allerdings, die harten Wände aufzubrechen und mit ihrer langen Zunge die Termiten aus ihrer Behausung zu angeln. Solange die so entstandenen Löcher noch nicht repariert sind, können dann auch Ameisen auf der Suche nach Beute eindringen. Wo ein Termitenbau beschädigt wird, tun wehrlose Arbeitstiere deshalb gut daran, sich eilends in Sicherheit zu bringen.

          Termiten-Soldat
          Termiten-Soldat : Bild: Wolfgang Kirchner

          Die Rolle von wehrhaften Wachposten übernehmen sogenannte Soldaten. Ausgestattet mit überdimensionalen Kiefern, können sie viel kraftvoller zubeißen als Mitglieder der Arbeiterkaste. Gegen ein hungriges Erdferkel sind sie zwar ziemlich machtlos, zudringliche Ameisen werden jedoch regelrecht zerstückelt. Außerdem benutzen die Termitensoldaten ihren dicken Kopf, um vielsagende Klopfzeichen zu geben: Wenn sie einen verdächtigen Luftzug spüren, schlagen sie mehrmals heftig gegen die Wand.

          Trommelsignale in Windeseile

          In Laborversuchen haben die Forscher herausgefunden, dass andere Termiten auf diese Klopfsignale reagieren und auch erkennen, aus welcher Richtung sie kommen: Mit zwei winzigen Plattformen, getrennt durch einen schmalen Spalt, konnten sie die linken und rechten Beine einer Termite unabhängig voneinander in Schwingungen versetzen. Entsprechend stimulierte Termitensoldaten drehten sich bezeichnenderweise dorthin, wo ihre Beine zuerst vibrierten, wie Hager und Kirchner in „The Journal of Experimental Biology“  schreiben. Das Signal auf der einen Seite musste nur eine Fünftel-Millisekunde früher ankommen als auf der anderen. Offenbar können die Termiten so geringe zeitliche Unterschiede wahrnehmen und nutzen diese Fähigkeit, um die Klopfzeichen von Artgenossen zu orten.

          Besonders eifrig trommeln die Termitensoldaten, wenn die vorbeiströmende Luft - wie die Atemluft eines Säugetiers - mit Kohlendioxid angereichert ist. Wie die beiden Biologen in einem weiteren Beitrag berichten, bereiten sich die Schwingungen der Klopfzeichen, durchschnittlich elf pro Sekunde, mit etwa 130 Metern pro Sekunde in den Erdgängen aus. Dort sitzende Termiten, so haben die Messungen der Wissenschaftler ergeben, können dieses Warnsignal aber nur wahrnehmen, wenn der Abstand höchstens vierzig Zentimeter beträgt. Trotzdem werden auch mehrfach so weit entfernte Artgenossen alarmiert. Denn sobald ein anderer Soldat solche Klopfzeichen empfängt, beginnt er seinerseits, mit dem Kopf rhythmisch gegen die Wand zu schlagen. So entsteht eine Signalkette, die an das Kinderspiel „Stille Post“ erinnert, die Information aber höchst zuverlässig weiterleitet.

          Dank dieses Tricks kann sich das Warnsignal viele Meter weit ausbreiten, ohne sich im mindesten abzuschwächen. Das dürfte zahlreichen Arbeitstermiten die Chance geben, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen. Zwar verringert sich die Leitungsgeschwindigkeit auf ein bis zwei Meter pro Sekunde, auch wenn die Termiten, die sich als Verstärker nützlich machen, sofort reagieren. Dennoch kommt ihr Signal viel schneller bei weit entfernten Tieren an als hastig flüchtende Artgenossen.

          Bei anderen afrikanischen Termiten ließ sich ebenfalls beobachten, dass sie einander mit laufend verstärkten Klopfzeichen vor drohender Gefahr warnen. Offenbar hat sich diese Art der Kommunikation vielfach bewährt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Großflächige Aufforstung ist eine Möglichkeit, die Kohlendioxid-Pegel langfristig zu stabilisieren. Doch ob die dafür nötigen Flächen zu Verfügung stehen, ist eine politisch-gesellschaftliche Frage.

          Negative Emissionen : Wie man das CO2 aus der Luft entfernt

          Ohne die aktive, technische Entfernung von CO2 aus der Luft bleiben alle Klimaziele Makulatur. Tragisch, dass nicht zuletzt Klimaschützer sie so lange verteufelt haben.

          Radikalisierung der Querdenker : „Es sind Rufe nach Exekutionen“

          Nach dem tödlichen Angriff auf den Kassierer einer Tankstelle in Idar-Oberstein zeigen sich Politiker entsetzt vom Ausmaß der Radikalisierung des Täters. Kenner der Verschwörungstheoretiker-Szene sind dagegen weniger überrascht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.