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Insekten : Wüstenameisen auf Stelzen

  • -Aktualisiert am

Auch auf Stelzen sicher: die Wüstenameise Bild: Matthias Wittlinger

In der afrikanischen Wüste finden Ameisen auch nach langen Strecken den Weg zurück. Dabei ermitteln sie die Entfernung offenbar anhand der Schrittzahl. Das klappt selbst, wenn eines oder mehrere der Beine unterwegs Schaden genommen haben.

          Die Ameise Cataglyphis fortis bevölkert Wüstengebiete in Nordafrika. Ausgerechnet während der heißesten Tageszeit schwärmt sie dort aus, um nach Futter zu suchen. Denn wie alle Ameisen der Gattung Cataglyphis ernährt sie sich von verirrten Insekten, die der extremen Hitze zum Oper gefallen sind. Wenn sie auf solch ein Beutetier stößt, schleppt sie es schnurstracks nach Hause. Um den Kurs berechnen zu können, der sie geradewegs heimführt zu ihrem unterirdischen Bau, registriert die Ameise jeden Streckenabschnitt, den sie zurückgelegt hat, und jede Richtungsänderung.

          Dabei liest sie die Himmelsrichtung am Stand der Sonne ab. Die Entfernung ermittelt sie indessen offenbar anhand der Schrittzahl. Das haben unlängst Matthias Wittlinger und Harald Wolf von der Universität Ulm herausgefunden. Gemeinsam mit Rüdiger Wehner von der Universität Zürich studierten sie die Ameisen in ihrem angestammten Lebensraum.

          Mitten in der tunesischen Wüste errichteten die Wissenschaftler eine schnurgerade Laufbahn, die von einem Ameisennest zu einer ergiebigen Futterstelle führte. Auf diesem zehn Meter langen Weg konnten die ausschwärmenden Arbeiterinnen zwar den Himmel sehen, seitliche Barrieren versperrten aber den Blick auf mögliche Orientierungspunkte im Gelände. Die Forscher fingen einige Tiere an der Futterstelle ab und verfrachteten sie zu einer parallel ausgerichteten, jedoch viel längeren Laufbahn. Mit Beute beladen, marschierten die Ameisen dort unbeirrt los. Wenn sie mehr als zehn Meter gelaufen waren, ihren Bau also anscheinend verpasst hatten, machten sie umgehend kehrt und pendelten suchend hin und her.

          Long way home: Ameise auf Wanderschaft

          Auch verstümmelt nach Hause

          Offenbar wussten die deplazierten Ameisen genau, nach welcher Strecke sie zu Hause ankommen sollten. Um sie in die Irre zu führen, veränderten die Forscher die Beinlänge ihrer Probanden. Entweder kappten sie jedes Bein ein Stückchen, oder sie klebten eine Schweineborste an und verlängerten es dadurch. So drastisch dieser Eingriff anmutet - die Ameisen ließen sich nicht von ihrer Aufgabe abbringen. Kurz entschlossen packten sie eins der angebotenen Beutetiere und machten sich auf den Rückweg, und zwar ohne merklich zu humpeln oder zu stolpern.

          Wenn die Ameisen auf Stelzen gehen mussten, schossen sie allerdings weit übers Ziel hinaus (“Journal of Experimental Biology“, Bd. 210, S. 198). Mussten sie dagegen auf verkürzten Beinen heimlaufen, so begannen sie schon einige Meter zu früh nach dem Nesteingang zu suchen. Die Tiere, die auf ihren Beinstummeln nur kurze Schritte machen konnten, überschätzten offenbar die zurückgelegte Wegstrecke. Jene hingegen, die auf verlängerten Beinen mit großen Schritten vorwärtskamen, unterschätzten dagegen die Distanz. Die Ameisen begingen diese Fehler nicht mehr, wenn die Forscher sie wieder in ihren heimatlichen Bau verfrachteten. Konnten sie von dort mit modifizierten Beinen starten, meisterten sie die Entfernungsmessung auf dem Heimweg ebenso bravourös wie unversehrte Tiere.

          Messung klappt auch mit beschädigten Beinen

          Anscheinend kommt es darauf an, dass die Ameisen auf dem Rückweg denselben Maßstab anlegen können wie auf dem Hinweg. Die Entfernungsmessung funktioniert auch dann noch, wenn das eine oder andere Bein unterwegs Schaden erleidet. Das hat Wittlinger, der mittlerweile am California Institute of Technology in Pasadena tätig ist, bei entsprechenden Experimenten herausgefunden.

          Mit solchen Verletzungen müssen Wüstenameisen zum Beispiel rechnen, wenn sie einer hungrigen Eidechse mit knapper Not entwischen oder in Kämpfe mit fremden Artgenossen verwickelt werden. Wer bei solchen Abenteuern ein oder zwei Beine eingebüßt hat, findet dennoch ohne weiteres heim. Dass alle sechs Beine gleichermaßen verkürzt oder verlängert werden, kann einer Ameise nur dann zustoßen, wenn sie wissbegierigen Forschern in die Hände fällt.

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