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Ohridsee in Mazedonien : Spielplatz der Evolution

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Der Schatz im Ohridsee, hier von den Galičica-Bergen aus betrachtet, das sind seine Wasserlebewesen. Sie gedeihen, obwohl – oder gerade weil es an Nährstoffen mangelt. Bild: Tom Wilke

Der Ohridsee im Südwesten Mazedoniens existiert bereits seit Jahrmillionen. Hier entwickelten sich Arten, die es nirgendwo sonst gibt – warum? Forscher lüften jetzt die Geheimnisse des ältesten europäischen Binnengewässers.

          Meter für Meter sinkt die weiße Plastikscheibe in die blaugrüne Tiefe. Selbst als das Ende des fünfzehn Meter langen Seils fast erreicht ist, kann Torsten Hauffe das Instrument zur Sichtmessung noch gut erkennen: „Das Wasser ist sehr nährstoffarm, deswegen entwickelt sich kaum Plankton, das die Sicht trübt“, erklärt der Biologe aus Gießen, während er sich über die Bordwand lehnt. Seine Secchi-Scheibe wäre in den meisten deutschen Seen jetzt längst nicht mehr zu sehen gewesen. Doch die liegen mehr als 1500 Kilometer weit entfernt.

          Unter unseren Füßen schwankt das kleine Forschungsschiff auf dem Ohridsee in Mazedonien. Über rund dreißig Kilometer schmiegt sich das Süßgewässer zwischen die Berge an der Grenze zu Albanien. Das klare Blau funkelt einladend in der Sonne, und zur Badesaison im Sommer werden einheimische Touristen die Szenerie von Ohrid bestimmen, der mit rund 40 000 Einwohnern größten Stadt am nordöstlichen Ufer. Jetzt, Mitte Mai, hingegen erscheint ein Sprung ins bis zu 300 Meter tiefe Nass wenig angebracht, es wäre unangenehm kalt.

          Eines der seltenen Stillgewässer der Erde

          „Ein schöneres Forschungsgebiet kann man sich kaum wünschen“, schwärmt Tom Wilke, Professor für Spezielle Zoologie und Biodiversitätsforschung an der Universität Gießen, während das Schiff wieder Fahrt aufnimmt. Seit 2003 reisen seine Mitarbeiter mehrmals im Jahr hierher. Sie nehmen die lange Tour – Flug nach Skopje und dann per Minibus weiter quer durchs Land – nicht in erster Linie zum Baden oder Schwimmen auf sich. Mit dem See hat es für sie eine viel wichtigere Bewandtnis, denn er ist in Europa einzigartig: Er gehört zu den seltenen Stillgewässern der Erde, die bereits seit Hunderttausenden bis Millionen von Jahren existieren (siehe „Was sind schon 10 000 Jahre?“).

          Diese Kontinuität macht solche Langzeitseen zu einem besonderen Experimentierfeld der Evolution. Über zig Generationen können Arten entstehen, die an die Bedingungen ihres Heimatgewässers angepasst und ausschließlich darin zu finden sind. Bekanntes Beispiel für die Entwicklung solch endemischer Arten sind die bei Aquarianern beliebten Buntbarsche der Grabenseen Ostafrikas: Aus ein paar wenigen Flussbewohnern entstanden Hunderte stark spezialisierte und mitunter farbenprächtige Vertreter dieser Fischfamilie.

          „Größte Dichte endemischer Arten weltweit“

          Im Ohridsee zählten die Zoologen bisher mehr als 200 Tierarten, die nur hier vorkommen. Und wenn man diese Zahl auf die Größe des Sees beziehe, „besitzt er die mit Abstand größte Dichte endemischer Arten weltweit“, sagt Wilke. An Farbenpracht mangelt es allerdings, und die hübsch getüpfelte Ohridforelle gilt trotz aller Fangverbote nach wie vor als überfischt. Nur durch die künstliche Aufzucht ihrer Brut werden die Bestände aufrechterhalten: Drei Zuchtstationen ziehen aus den Eiern von wildlebenden Forellen Jahr für Jahr rund 3,5 Millionen Jungfische auf und entlassen sie als sogenannte Fingerlinge in den See.

          Zum Schutz des begehrten Speisefisches wurde vor 80 Jahren das Hydrobiologische Institut in Ohrid gegründet, heute können sich die Forscher und ihre Kooperationspartner auch wieder anderen Fragen widmen. Wilke beispielsweise interessiert sich für Wasserschnecken, die vor allem auf oder unter Steinen leben und mit bloßem Auge kaum zu unterscheiden sind. Von den etwa 70 hier lebenden Arten sind mindestens 50 nirgendwo sonst zu finden.

          Auf Schneckenjagd

          Wilke schickt sein Team deshalb immer wieder auf Schneckenjagd, auch an diesem Tag im Mai. Nach einer guten Stunde Fahrt haben wir die Steilküste am südöstlichen Ufer erreicht. Skipper Zoran manövriert das Schiff dicht an einen der einsam gelegenen Kiesstrände heran. Mit einem Bodengreifer holt Christian Albrecht, einer von Wilkes langjährigen Mitarbeitern, nun Muschelschalen und Kieselsteine vom Grund. Dass auf einigen der größeren Brocken Wasserdeckelschnecken der Art Ochridopyrgula macedonica sitzen, sieht der Schneckenexperte selbst ohne Lupe, für Laien sind es bloß ein paar dunkle Punkte.

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