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Illegal gejagte Wölfe : Auf der Fährte der Wilderer

  • -Aktualisiert am

Eigentlich breiten sich Wölfe aus - auch in Deutschland: Im Nordosten des Landes sollen schon mehr als hundert Tiere leben. Bild: dpa

In Skandinavien werden Wölfe noch immer gejagt. Und das, obwohl sie auch dort geschützt sind. Forscher haben die Dunkelziffer illegaler Jäger ermittelt.

          Der Wolf gilt als gefährliches Raubtier. Dabei ist für ihn eher der Mensch eine Gefahr als umgekehrt. Selbst wo Wölfe unter gesetzlichem Schutz stehen, sind sie ihres Lebens oft nicht sicher. In Skandinavien zum Beispiel geht ihre Mortalität etwa zur Hälfte auf illegale Tötungen zurück. Das haben kürzlich Wissenschaftler von der Grimsö Wildlife Research Station in Riddarhyttan herausgefunden. Wie die Forscher um Olof Liberg und Guillaume Chapron in den „Proceedings of the Royal Society B“ (Bd. 279, S. 910) berichten, entwickelten sie plausible Kriterien, mit denen sich die Zahl der gewilderten Wölfe abschätzen lässt, auch wenn nur wenige Wilderer auf frischer Tat ertappt werden. Ihre Hochrechnungen zeigen, dass die skandinavischen Wölfe ohne den illegalen Aderlass schon drei- bis viermal so zahlreich wären, wie sie derzeit tatsächlich sind.

          Um die Entwicklung der skandinavischen Wolfspopulation studieren zu können, griffen die schwedischen Forscher auf ein bewährtes Verfahren zurück: Im Laufe eines Jahrzehnts statteten sie mehr als hundert Wölfe mit kleinen Sendern aus. So konnten sie zehn bis fünfzehn Prozent der Population auf der Spur bleiben und den Lebensweg einzelner Tiere verfolgen. Auch verendete Wölfe ließen sich anhand ihrer Sender aufspüren und die Todesursache feststellen. Manche starben in Folge von Altersschwäche oder Krankheiten eines natürlichen Todes, andere fielen dem Straßenverkehr zum Opfer, und einige wurden als „Problemwölfe“ von entsprechend beauftragten Jägern erlegt.

          Ein Abdruck von einem Wolf, oft der einzige Hinweisauf ein Rudel.

          Nachweislich von Wilderern zur Strecke gebracht wurden nur wenige Wölfe. Doch wie hoch, so fragten sich die Wissenschaftler, ist die Dunkelziffer? Wer Wildtiere illegal tötet, tut gut daran, die Tat zu vertuschen. Gerade bei Wölfen ist das nicht schwierig. Schließlich haben es die Wilderer in der Regel weder auf das Fleisch noch auf das Fell oder andere Trophäen abgesehen. Den Jägern geht es vornehmlich darum, vierbeinige Konkurrenten aus dem Weg zu räumen, und den Viehzüchtern um den Schutz ihrer Herden. Wenn sie den toten Wolf heimlich vergraben und darüber Stillschweigen bewahren, ist das Risiko gering, dass die Sache ans Licht kommt - vorausgesetzt, ein etwa vorhandener Sender wird ebenfalls zum Schweigen gebracht.

          Wenn ein Sender vorzeitig verstummte, lag nicht selten die Vermutung nahe, dass Wilderer am Werk waren. Verdächtig waren etliche Fälle, in denen ein Wolf, der zu einem ortsansässigen Rudel gehörte, plötzlich nicht mehr geortet werden konnte. War nur der Sender defekt, so sollte das fragliche Tier doch weiterhin Spuren hinterlassen. Schließlich wurden regelmäßig Kotproben eingesammelt und anhand der daraus isolierten Erbsubstanz individuell zugeordnet. Wenn solche Hinterlassenschaften ausblieben, war der vermisste Wolf wahrscheinlich von einem Wilderer getötet worden, der den Sender vorsorglich zerstört hatte.

          Demographische Hochrechnungen sprechen dafür, dass die Forscher mit diesem Verdacht in den meisten Fällen richtig lagen. Um die Mortalität zu ermitteln, wurden zunächst - wie gemeinhin üblich - alle Tiere ausgeblendet, die samt ihrem Sender aus dem Beobachtungsgebiet verschwunden waren. Entsprechende Schätzungen haben ergeben, dass die skandinavische Wolfspopulation eigentlich schon drei- bis viermal so groß sein müsste, wie sie derzeit ist. Der fehlende Zuwachs lässt sich mit Verlusten aufgrund versteckter Wilderei gut erklären: Als von den Wölfen mit ungeklärtem Schicksal all jene in die Berechnungen einbezogen wurden, die nach den Kriterien der Forscher mutmaßlich Wilderern zum Opfer gefallen waren, entsprach das Ergebnis in etwa der tatsächlichen Populationsgröße.

          Die Verluste durch Wilderei verlangsamen freilich nicht nur das Wachstum der Wolfspopulation. Sie mindern auch die ohnehin geringe genetische Vielfalt der skandinavischen Wölfe, die sich allmählich wieder von langer erbitterter Verfolgung erholen. Indirekt schaden die Wilderer dadurch nicht zuletzt allen Viehzüchtern, die um ihre Herden bangen. Die immer noch prekäre Lage der Wolfspopulation erschwert die Entscheidung, einzelne Wölfe, die sich allzu dreist an Haustieren vergreifen, zum Abschuss freizugeben. Das Verfahren, mit dem die schwedischen Wissenschaftler das Ausmaß versteckter Wilderei abschätzen, sollte sich auch auf andere Regionen und andere Tierarten übertragen lassen. Ob Wölfe in den Rocky Mountains oder Tiger in Sibirien - allzu häufig konterkariert illegaler Jagdeifer die Bemühungen um wirkungsvollen Artenschutz.

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