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Raubtier Forelle : In einem Bächlein helle . . .

  • -Aktualisiert am

Nordamerika ist die Heimat des Bachsaiblings, der 1879 erstmals nach Deutschland eingeführt wurde. Bild: Illustration James Prosek

. . . schwimmt bei Schubert die Forelle. Aber welche? Tatsächlich bevölkern die Raubfische die Gewässer der Nordhalbkugel in zoologisch kaum zu bändigender Vielfalt.

          Die Forelle ist ein höchst geschätzter Fisch, hier wie in anderen Ländern. Zur rechten Zeit gefangen, geben ihr selbst die mäkeligsten Gaumen den Vorrang“, schreibt Izaak Walton in seinem erstmals 1653 erschienenen Standardwerk der Angelliteratur „The Compleat Angler“, das auch auf Deutsch als „Der vollkommene Angler oder eines nachdenklichen Mannes Erholung“ erschienen ist. Das Büchlein soll es inzwischen auf rund 600 Neuauflagen gebracht haben und würde damit im englischsprachigen Raum nur von der Bibel und den Werken Shakespeares übertroffen. Sein Autor jedenfalls gilt heute als Vater des Angelns als eines naturnahen und kontemplativen Zeitvertreibs.

          Dabei begann der um das Jahr 1594 geborene Londoner Eisenwarenhändler sein Hobby erst spät. Kurz vor dem endgültigen Sieg Oliver Cromwells über Charles I. zog der königstreue Walton im Jahr 1644 aufs Land ins mittelenglische Staffordshire. Durch dessen Mitte verlief ein Fluss, dessen Forellen er mit wachsender Leidenschaft nachstellte - Eskapismus, bei dem ihm bald illustre Persönlichkeiten aus Adel und Klerus Gesellschaft leisteten.

          Eigene Art oder nur Variante?

          Schon Walton schrieb über die vielfältigen Formen der Forelle, die sich von Bach zu Bach und selbst von Bucht zu Bucht in Größe und Form, Flecken und Farben stark unterschieden. Tatsächlich bereiten Forellen und ihre nächsten Verwandten wie Lachs, Saibling und Huchen Forschern seit der offiziellen Erstbeschreibung 1758 durch Carl von Linné arges Kopfzerbrechen: „Es gibt keine andere Gruppe von Fischen, die dem Ichthyologen so viele Schwierigkeiten machen, was die Unterscheidung der Arten angeht“, schrieb 1866 der deutsche Zoologe Albert Günther. Das ist bis heute so. Über die Frage, welche Formen der Forelle als eigene Art, Unterart oder lokale Variante anzusehen sei, gibt es fast so viele Meinungen wie Forscher. Ein Konsens ist nicht in Sicht, und so schwanken allein die Angaben zur Zahl der Arten in der Gattung Salmo ganz erheblich: Manche Quellen sprechen von rund 30, andere von 50 und mehr Spezies.

          Neben einer Handvoll Ichthyologen kennt heute wohl kaum jemand die über die Nordhalbkugel verbreitete Forellenverwandtschaft so gut wie der Künstler, Angler und Autor James Prosek, aus dessen Buch „Trout of the World“ die Bilder auf dieser Doppelseite stammen. Die Vorlagen für die 120 Aquarelle in seinem Buch fischte Prosek in den letzten 20 Jahren aus Gewässern in aller Welt, von den Flüssen seiner nordamerikanischen Heimat über Bäche des Schwarzwaldes und dem südanatolischen Quellgebiet des Tigris bis zu den entlegensten Flussläufen der sibirischen Halbinsel Kamtschatka und Japans. „Mehr als die Hälfte der Bilder spiegeln die Diversität innerhalb nur einer einzigen Art wider - der Stammform der Forelle mit dem lateinischen Namen Salmo trutta“, schreibt Prosek. „Das zeigt, wie ungenügend der menschgemachte Begriff ,Art‘ die biologische Wirklichkeit widerspiegelt.“

          Im süßen wie im salzigen Wasser

          Das sah bereits Charles Darwin so, der Autor, dessen wichtigstes Werk zwar „Die Entstehung der Arten“ heißt, der aber die Bemühungen seiner gelehrten Kollegen, die natürliche Vielfalt in das Korsett eines wie auch immer definierten Artbegriffs zu zwängen, schlicht lachhaft fand. Ganz ohne Spezies-Schublade kam natürlich auch Darwin nicht aus, doch sah er die Sache ganz pragmatisch: „Ich betrachte den Begriff Art als eine willkürlich und für den Zweck der Bequemlichkeit vergebene Bezeichnung für eine Gruppe von Individuen, die sich stark ähneln.“

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