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Raubtier Forelle : In einem Bächlein helle . . .

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Die energischsten Forellenschützer sind oft jene, die ihnen mit der Angel nachstellen. Dafür hat sich spätestens seit dem Brad-Pitt-Film „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ von 1992 auch in Deutschland die bereits von Izaak Walton beschriebene Methode des Fliegenfischens mit künstlichen Ködern durchgesetzt. Das Besondere daran ist die dickere Angelschnur. Sie liefert die nötige Masse zum Auswerfen des Köders, der von dem direkt im Wasser stehenden Angler gezielt an den vermuteten Standort des Fisches geschleudert wird. Im Prinzip besteht der Köder nur aus dem Haken und einigen daran befestigten Tierhaaren und Federn, die ein auf der Wasseroberfläche gelandetes Insekt imitieren und den Fisch zum Zuschnappen animieren sollen.

Fliegenfischen als Wissenschaft

Aus der genauen Zusammensetzung der vermeintlich besten Kunstfliegen haben Angler allerdings eine Wissenschaft gemacht, der sich manche Fliegenbinder in Vollzeit widmen. Legendär ist etwa „Tup’s Indispensable“ des südenglischen Tabakhändlers und Teilzeitfliegenbinders R. S. Austin aus dem Jahr 1900. Erst 1934 lüftete seine Tochter das Geheimnis der „unverzichtbaren“ Fliege: Es waren Haare vom Hodensack eines Widders, getränkt in Schafurin.

Ob die Konstruktionsdetails der Fliege wirklich einen Unterschied machen, ist eine Frage, dank welcher gummibehosten Fliegenfischern beim tagelangen Herumstehen in malerischen Flüssen nie der Gesprächsstoff ausgeht. Zur wahren Wissenschaft geadelt wurde sie durch den zu Weihnachten 1998 im British Medical Journal veröffentlichten Collaborative Randomised And Controlled Kennet Piscatorial Options Trial (kurz „Crackpot“, was „Exzentriker“ oder „Spinner“ bedeutet). Das Ergebnis der Studie, für die fünf angelnde Mediziner jeweils fünf Stunden mit einer von fünf Kunstfliegen fischten: Die „Schwarze Gnitze“ lieferte signifikant schlechtere Fangergebnisse, die Konkurrenten wie „Zimtsegge“ oder „Hasenohr“ dagegen nahmen sich nicht viel. Hat der Fisch die Fliege erst einmal geschnappt, wird der Haken durch einen Ruck an der Angelrute im Maul verankert und das Opfer angelandet.

Wie es dann weitergeht, ist kulturell unterschiedlich. In Großbritannien und Amerika genehmigen sich Fliegenfischer nur gelegentlich eine Forelle Müllerin Art. Das Angeln dient hier vornehmlich dem Naturerlebnis, dem Kampf mit dem Fisch und dem Bewundern der salmoniden Formenvielfalt oder einem Erinnerungsfoto mit Kawenzmann. Danach ist die Forelle wieder entlassen.

Gut für den Fisch, sollte man denken, zumal die Sterblichkeit unter den mit Fliege gefischten Forellen dank des meist nicht tief steckenden Hakens gering ist. Das deutsche Tierschutzrecht sieht dies anders. Hierzulande darf nur mit der Absicht einer sinnvollen Verwendung geangelt werden, Angeln nur zum Spaß gilt als Tierquälerei. Weil andererseits auch das Zurücksetzen untermaßiger, ebenso wie nicht aufessbar großer Fische vorgeschrieben ist, bleibt in der Praxis aber auch bei uns Raum für das „Catch and Release“ der Angeln und Sachsen.

Die Forellenjagd mit der Fliege funktioniert durchaus nicht nur in klaren Gebirgsbächen. Manche Profis schwören sogar auf Tage, an denen Regenfälle das Wasser eingetrübt haben, so dass den Tieren die Sicht genommen ist. Zu ihnen gehört auch der namenlose Angler in Schuberts „Forelle“: „Doch endlich ward dem Diebe / Die Zeit zu lang; er macht / Das Bächlein tückisch trübe / Und eh’ ich es gedacht / So zuckte seine Ruthe / Das Fischlein zappelt dran / Und ich, mit regem Blute / Sah die Betrogne an.“ Ob zu Schuberts Zeiten Angler dem „Fangen und Freilassen“ anhingen, ist zu bezweifeln.

Ein vollkommen synthetischer Fisch

Knapp 22 Kilo wog die Regenbogenforelle, die Sean Konrad am 5. September 2009 aus Lake Diefenbaker in der kanadischen Provinz Saskatchewan zog - das größte je geangelte Exemplar dieser Art. Schnell meldeten sich allerdings Nörgler: Das unförmige Tier sei offensichtlich aus einer benachbarten Forellenfarm entwischt, auf der triploide Tiere gezüchtet werden. Diese mit einem extra Satz Chromosomen ausgestatteten Fische lassen sich ganz ohne Gentechnik durch eine spezielle Behandlung der befruchteten Eier erzeugen, das Resultat sind sterile Weibchen, die anstatt Eiern Körpermasse produzieren.

Die schwimmenden Fleischberge sind nicht nur etwas für die Tiefkühlfiletindustrie. Auch Angler wie Konrad, denen es auf die Größe und einen ordentlichen „Drill“ ankommt, lieben sie. In die gleiche Richtung gingen 2006 Versuche von Forschern der Universität Missouri, die Regenbogenforellen mit dem Muskelaufbaumittel Kreatin dopten, um vermeintlich „härter kämpfende Fische“ zu erzeugen. Und 2010 konnte man von transgenen Forellen an der Universität von Rhode Island lesen, die dank eines blockierten natürlichen Wachstumshemmers wie fischgewordene Bodybuilder aussehen.

Objekt all dieser Optimierungsversuche ist die Regenbogenforelle. Weil Oncorhynchus mykiss im Gegensatz zu vielen anderen Forellenarten stresstolerant ist, warmes Wasser und hohe Besatzdichten verträgt und dabei noch rasant wächst, hat sie sich weltweit zu einem der wichtigsten Zuchtfische entwickelt. Auch die Ansiedlung in ursprünglich komplett forellenfreien Ländern der Südhalbkugel wie Argentinien, Neuseeland oder Südafrika war ein durchschlagender Erfolg, freilich mit allen ökologischen Problemen, die der konkurrenzstarke Neuankömmling in der heimischen Fischfauna verursacht. Aber nicht alle teilen die Bedenken. In Südafrika fordert die Anglerlobby sogar, die Regenbogenforelle zur einheimischen Art „honoris causa“ zu erklären, weil sie nun schon über 100 Jahre dort lebe.

Tatsächlich reicht die außergewöhnliche Karriere der Regenbogenforelle weit zurück, in eine Zeit, als man die sogenannte Akklimatisierung europäischer Arten im Rest der Welt noch für ebenso segensreich hielt wie die Kolonisation vermeintlich unterentwickelter Länder. Ihr Anfang lässt sich sogar datieren: Am 29. August 1872 erreichte der New Yorker Fischzuchtexperte Livigstone Stone nach einer vierwöchigen Reise per Eisenbahn, Kutsche und zu Fuß endlich den McCloud River im damals noch wilden Norden Kaliforniens. Sein Auftrag: Pazifische Lachse vor dem Ablaichen abzufangen, Rogen und Samen zu ernten und die vor Ort aufgezogene Fischbrut zurück an die Ostküste zu bringen. Dort sollten sie nach Vorstellung der gerade erst gegründeten amerikanischen Fischereikommission die Bestände des Atlantischen Lachses ersetzen, der durch die schon damals dramatische Gewässerverschmutzung weitgehend ausgerottet worden war.

Der Plan misslang. Obwohl Stone und seine Helfer bis 1879 mehrere Millionen Lachseier ausbrüteten, wurde kaum einer der an der Ostküste ausgesetzten Junglachse je wieder gesehen, die Ansiedlung war ein Fehlschlag. Doch in seinen Jahren im unerschlossenen Land der Wintu-Indianer lernte Stone einen bis dato kaum bekannten Verwandten des Pazifischen Lachses kennen, den die Eingeborenen Syoolott nannten - die Regenbogenforelle.

Der Rest ist Aquakulturgeschichte: „Die Regenbogenforelle wurde seither in jeden der 50 amerikanischen Bundesstaaten und mindestens 80 weitere Länder eingeführt und ist heute auf jedem Kontinent mit Ausnahme der Antarktis zu finden“, schreibt der amerikanische Biologe Anders Halverson in seinem 2010 erschienen Buch „An entirely synthetic fish“ („Ein vollkommen synthetischer Fisch“ - nach dem Werbeversprechen eines Züchters), das den globalen Siegeszug von Oncorhynchus mykiss nachzeichnet.

Nach Deutschland kam die Art bereits 1882, fast gleichzeitig mit dem verwandten Bachsaibling und als Gegenleistung für eine Ladung europäischer Forellen aus dem Schwarzwald, deren Nachfahren heute weite Teile Nordamerikas bewohnen. Alle drei werden heute als invasive Arten, die mit einheimischen Arten in Konkurrenz stehen, kritisch gesehen. Doch damals galt noch die Maxime „Möge der bessere Fisch gewinnen!“.

Das blieb noch lange so. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begannen amerikanische Fischereibehörden sogar damit, aus Flugzeugen Forellenbrut in die vielen unberührten und oft fischfreien Bergseen der Sierra Nevada abzuwerfen - mit teils katastrophalen Effekten auf die dort lebenden Amphibien. Und 1962 ließen sie den Green River in Wyoming und Utah gar mit dem Fischgift Rotenon behandeln, um den anschließend ausgesetzten Regenbogenforellen Starthilfe zu leisten. Ob damit wirklich dem besseren Fisch gedient war, ist fraglich, auch wenn das Vergiftungsprogramm vornehmlich auf die ebenfalls aus Europa eingeschleppten Karpfen des Green River abzielte.

Dass die Ansiedlung gebietsfremder Fische oft mehr Probleme als Vorteile bringt, ist eine ziemlich junge und bei Anglern und ihrer Lobby bis heute unpopuläre Einsicht. So beendete die kalifornische Fischereibehörde ihre Auswilderungsprogramme für Regenbogenforellen in der Sierra Nevada erst im Jahr 2001. Seither versucht man mit ähnlich großem Aufwand, die anpassungsfähigen Tiere mit Hilfe von Stellnetzen wieder aus den Bergseen zu entfernen.

Literatur: James Prosek, „Trout of the World“, erweiterte Neuauflage, Abrams Books, New York 2013, 33.- [Euro].

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