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Geist und Moral von Hühnern : Schadenfrohes Gackern

  • -Aktualisiert am

Hühner sind „verschlagen“, „listig“ und „feige“

Ihr Lebensgefährte habe einmal ein Huhn holen wollen, das im Auslauf war. Eine wilde Verfolgungsjagd begann. Das Tier rannte schließlich auf den Teich und sein schlammiges Ufer zu. Kurz vorm Wasser schlug das Huhn dann einen perfekten Haken nach links. Ihr Verfolger konnte nicht mehr rechtzeitig reagieren, rutschte aus und landete der Länge nach im Wasser. „Der Witz war, dass die Henne nicht einfach weiterlief, um sich in Sicherheit zu bringen“, erinnert sich Frau Albrecht. „Sie blieb stehen, drehte sich um und fing an zu gackern. Es hörte sich an, als ob sie sich kaputtlacht.“

Kennen Hühner demnach Schadenfreude? Forscher bezeichnen Hühner durchaus als „verschlagen“ und „listig“. „Feige“ würde bisweilen auch passen: Hähne etwa stoßen eher einen Warnruf aus, wenn sie selbst in Sicherheit sind und ein anderer Hahn der drohenden Gefahr ins Auge sehen muss. Sie täuschen Hennen mit Futterrufen, obwohl sie gar nichts zu bieten haben. Zum Ausgleich zeigen sich weibliche Hühner misstrauisch gegenüber Bewerbern, von denen sie schon einmal enttäuscht wurden.

Hühner können auch recht rührend sein: Glucken etwa spüren genau, wie es ihrem Nachwuchs geht, selbst wenn keine offensichtliche Gefahr erkennbar ist. So bepusteten britische Forscher Küken mit kleinen Luftstößen. Nicht nur deren Puls schnellte daraufhin in die Höhe. Auch die abseits stehende Glucke bekam Herzrasen, allein durch den Anblick ihres erschrockenen Nachwuchses.

Haben Hühner Moral und ähnelt sie der des Menschen?

Ist das schon echte Empathie? Man tappt schnell in die Falle, wenn man sich Hühner als gefiederte Menschen vorstellt. Eine solche Anthropomorphisierung ist in der Wissenschaft eigentlich verpönt. Allerdings ist die Frage nach den elementaren Bedürfnissen und dem Wohlergehen von Tieren schon lange kein rein wissenschaftlicher Disput mehr. Aus Ekel vor der industriellen Massenhaltung wächst die Gemeinde jener, die im Verzehr von Tieren eine fundamentale Verletzung nicht nur menschlicher, sondern auch tierischer Moral und Ethik erkennen.

Aber haben Tiere Moral? Und falls ja: Ähnelt sie der des Menschen? Vermutlich lautet die Antwort: nein. Der in Australien forschende Kognitionspsychologe Thomas Suddendorf schreibt in seinem Buch „The Gap“ (Basic Books 2013): „Wir gehen unwillkürlich davon aus, dass es in anderen so aussieht wie in uns selbst. Aber das ist nur ein Rückschluss. Wir können Geisteszustände nicht sehen oder erfühlen.“

Philip Limbery, Tierschützer und Geschäftsführer der Organisation Compassion in World Farming, hat jüngst seine Gedanken zu Zustand und Zukunft der Nutztierhaltung veröffentlicht. In seinem Buch „Farmageddon“ (Bloomsbury 2014) heißt es: „Ich möchte keine menschlichen Gefühle auf Tiere, ob Hühner oder andere, projizieren. Es ist offensichtlich, dass sie keine Menschen sind. Aber sie sind auch keine Automaten. Sie sind eigenständig fühlende Wesen.“ Was der Araucana-Henne auf dem Albrechtschen Hühnerhof durch den Kopf geht, wenn sie im Stall auf einer Stange sitzt und scheinbar nachdenklich aus dem Fenster schaut, bleibt also ihr Geheimnis.

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