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„Hirnforschung, was kannst du?“ : Angst beherrscht man nicht, ohne Furcht zu kennen

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Kleinhirn, Kortex, Amygdala oder Insula sind einfach zu finden. Diesen Hirnarealen ordnet man viele unserer komplexen Gefühlsregungen und Verhaltensweisen zu. Bild: Daniel Nauck

Emotionen bestimmen alles, auch unser Denken. Doch wenn es um die Kontrolle unserer Ängste geht, steht die Wissenschaft noch am Anfang. Die Hirnforschung entwickelt jetzt neue Ansätze, die Antriebe unser Seelen zu ergründen.

          10 Min.

          Freude und Traurigkeit, Liebe und Hass, Wut und Angst gehören zu den Grundgefühlen, die das Wesen jeder menschlichen Existenz bestimmen. Derartige Gefühle oder Emotionen üben einen starken Einfluss auf unser Verhalten aus, sie sind interessant und wichtig. Doch was genau ist eine Emotion oder ein Gefühl? Können physiologische oder neurobiologische Grundlagen identifiziert werden? Wie kommt es zu einer wenig kontrollierbaren Emotion, unter Umständen gar zu einer psychischen Störung?

          Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrten sich Hinweise, dass an Emotionen spezialisierte Schaltkreise des Gehirns beteiligt sind, die in der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Säugetiere weitgehend erhalten blieben. Allerdings litt das Thema Emotion jahrzehntelang unter dem Vorwurf der Subjektivität, insofern als die Mehrzahl der wissenschaftlichen Ansätze nur unzureichend zwischen den Reaktionen unterschied, die auftreten, wenn unser Gehirn für unser Leben oder Wohlergehen bedeutsame Reize detektiert (unserer Emotion), und den Prozessen der bewussten Wahrnehmung dieser Vorgänge (unserem Gefühl). Eine konzeptuelle Trennung, die zum Beispiel die Kognitionswissenschaft von Anfang an vollzog. Auch waren trotz zunehmender Zahl untersuchter emotionaler Leistungen die zugrundeliegenden neurobiologischen Prinzipien kaum ableitbar. Einen Paradigmenwechsel markiert die Fokussierung auf das sogenannte „Furchtsystem“ im abklingenden 20. Jahrhundert, als mit der Operationalisierung von Furcht diese Emotion systematisch experimentell fassbar wurde.

          Hans-Christian Pape ist seit 2004 Professor für Physiologie an der Medizinischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

          Im täglichen Sprachgebrauch wird oft nicht zwischen Furcht und Angst unterschieden, obwohl es sich um zwei Entitäten handelt. Angst ist ein unbestimmtes Gefühl der Beklemmung oder Besorgnis, ausgehend von wenig spezifizierbaren Einflüssen, die als potentiell bedrohlich wahrgenommen werden. Furcht hingegen wird durch konkrete Reize, Objekte oder Situationen, ausgelöst und resultiert in einer Furcht- oder Alarmreaktion. Demzufolge wurden Studien entwickelt, die sich neben Äußerungen über den (subjektiv empfundenen) Gemütszustand auf die Messung quantifizierbarer Größen kaprizierten. Steigerung von Blutdruck und Atemfrequenz, Freisetzung von Stresshormonen, Kampf oder Flucht sind bekannte Beispiele. Aus biologischer Sicht sind diese Reaktionen wichtige Komponenten unseres Verhaltens: Sie schützen uns vor Einflüssen, die unangenehm oder sogar schädlich sind. So lernt jeder durch Beobachtung, Instruktion oder schmerzvolle Erfahrung, bestimmte Verhaltensweisen zu vermeiden, aus Angst davor, verletzt zu werden. Der stammesgeschichtlich alte Ursprung dieser Reaktionen und deren positive Selektion im Verlauf der Evolution sind leicht nachvollziehbar: Individuen, die in einer gefährlichen Umwelt furchtsam reagieren, überleben besser. So ist der bei uns negativ konnotierte Angsthase in der chinesischen Mythologie das Sinnbild der Langlebigkeit. Oder andersherum: Die Mutigen sterben zuerst.

          Operationalisierung von Furcht - ein Erfolgsmodell

          Aus wissenschaftlich-konzeptueller Sicht erwies sich die stammesgeschichtliche Konservierung dieser Reaktionen in Säugetieren, einschließlich des Menschen, als Vorteil. Zum einen werden speziesübergreifende Ansätze und Interpretationen erleichtert und damit die Prinzipien deutlich, die diese Emotion begründen. Zum anderen können Teilergebnisse, die auf den verschiedenen Ebenen der wissenschaftlichen Analyse erzielt werden, verknüpft und daraus Kenntnisse der Systemzusammenhänge („vom Molekül zum Verhalten“) entwickelt werden, wobei die konzeptuelle Verbindung der Ebenen eine fortwährende Herausforderung darstellt und nicht immer gelingt.

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