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Herbizide : Nicht alles Grüne ist willkommen

„Leise ergrünt das harte Gestein“ (Trakl) Hier vor dem Terminal des unglückseligen Berliner Flughafens BER. Wenn der denn wirklich einmal in Betrieb geht, wird jemand die Pflänzchen ausrupfen oder abfackeln müssen. Herbizide sind auf versiegelten Flächen heutzutage verboten. Bild: dpa

Diskriminierung und Unterdrückung sind ein wesentlicher Teil gärtnerischen Tuns. Probate Instrumente liefert nach wie vor die Herbizid-Chemie. Wie funktionieren sie?

          Er war bis zu zehn Meter breit, knapp 1400 Kilometer lang und völlig kahl. Schön sah das nicht aus, doch der "Spurensicherungsstreifen" war für Menschen noch das Harmloseste an der einstigen innerdeutschen Grenze. Zwischen Stacheldraht und Streckmetall, Minenfeldern und Selbstschussanlagen, diente er lediglich dazu, Fußspuren von Republikflüchtlingen zu bewahren. Doch einen Streifen Erde frei von Grünzeug zu halten, das ist im feucht-milden Mitteleuropa nicht so einfach.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So ist etwa an einem hessisch-thüringischen Grenzabschnitt nahe Bad Sooden-Allendorf der massive Einsatz von Herbiziden durch die DDR-Grenztruppen belegt: "Rund 15 Jahre lang wurde das Präparat Azaplant Combi mit den Wirkstoffen Amitrol und Simazin eingesetzt, acht bis zehn Kilo pro Hektar und Jahr", schrieb die Göttinger Forstbotanikerin Andrea Lückert 1999 in ihrer Diplomarbeit. "Später wurde aus Kostengründen Dieseltreibstoff gespritzt."

          „Unkraut-Ex“ war noch einfach bloß giftig.

          Das war nun eine recht archaische Methode, vergleichbar den frühesten landwirtschaftlichen Herbizideinsätzen im 19. Jahrhundert, als man Eisen- und Kupfersulfat zu zehn Kilo pro Hektar ausbrachte. In solchen Mengen sind diese Substanzen auch für Tier und Mensch giftig. Die Kunst der Unkrautvernichtung besteht jedoch in der Verwendung von Giften, die spezifisch Pflanzen schaden und zugleich schnell genug abgebaut werden, um sich nicht im Erdreich anzureichern. Bei einem Herbizid wie Azaplant Combi lässt sich eine solche Akkumulation oberhalb von einem Kilo pro Hektar nicht mehr ausschließen. "Neuere konventionelle Herbizide werden in Dosierungen von einigen Gramm pro Hektar eingesetzt", sagt der Herbologe Hansjörg Krähmer von der Firma Bayer CropScience in Frankfurt.

          Herbizide wirken höchst unterschiedlich. Das einst populäre "Unkraut-Ex", dessen Wirkstoff Natriumchlorat sich zum Bombenbau eignet und hierzulande nicht mehr verkauft wird, ist auch einfach bloß giftig, egal ob für Mensch, Tier oder Pflanze. Chlorat und das daraus gebildete Chlorit wirkt stark oxidierend, ähnlich manchen Toilettenreinigern, und daher toxisch.

          Von Bleichherbiziden bekommen die Kräuter Sonnenbrand

          Moderne Herbizide zielen dagegen spezifisch auf den pflanzlichen Stoffwechsel. Viele Substanzen, darunter auch das von den DDR-Grenzern versprühte Simazin, greifen direkt in die Photosynthese ein, bei der die Pflanzen mittels Licht aus dem Kohlendioxid der Luft energiereiche Moleküle aufbauen. Andere Wirkstoffe hindern die Pflanze daran, Biomoleküle herzustellen, die sie für die Photosynthese braucht, das Blattgrün Chlorophyll, aber auch einige Carotinoide. Zu ihnen zählt beispielsweise das als Provitamin A bekannte -Carotin, das die Pflanze vor aggressiven Molekülen schützt, welche das Sonnenlicht ebenfalls erzeugt. Eine Hemmung der Carotinoidsynthese führt damit zu einem buchstäblichen Abbrennen des Blattgewebes in der Sonne, weswegen man Stoffe, die so etwas anrichten, auch "Bleichherbizide" nennt.

          Eine aus Pflanzensicht besonders perfide Wirkstoffgruppe sind die Auxin-Herbizide. Auxine wirken in Pflanzen als Wachstumshormone: Sie lassen Sprossen in die Länge wachsen, Triebe verzweigen und Früchte groß werden. Zu viel Auxin aber ist fatal, da das übermäßige Wachstum zum Zerfall der Pflanze führt. Zu den Auxin-Herbiziden gehört eine Verbindung, die unter dem Codenamen "Agent Orange" traurige Berühmtheit erlangte, als die amerikanische Armee zwischen 1961 und 1971 mehr als 45 Millionen Liter davon über Vietnam versprühte, um den Dschungel zu entlauben und der Vietcong die Deckung zu nehmen.

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