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Gummi aus Löwenzahn : Von der Kriegsforschung zur neuen Biotechnologie

  • -Aktualisiert am

Kautschukquelle der Zukunft? Bild: picture-alliance/ dpa

Die Kriegsforschung im dritten Reich setzte auf die Kultivierung von Löwenzahn, um die Gummiproduktion zu sichern. Nun greifen Wissenschaftler diese Idee auf und entwickeln sie mit Industriepartnern weiter.

          Gelb, Pusten, Meerschweinchenfutter. Muss man mehr über Löwenzahn sagen? Aber unbedingt, schließlich hat die hübsche Blume "ein unglaubliches agronomisches Potential", wenn man dem Biotechnologen Dirk Prüfer glaubt. An der Universität Münster hegt und pflegt er die Pflanzen, dann zerhackt und schleudert er sie mitsamt Wurzeln, um an ihren klebrig-weißen Saft zu kommen. Denn darin steckt Kautschuk, ein wertvoller Gummirohstoff, aus dem im Prinzip einmal Autoreifen geformt werden können.

          Ein Konsortium aus verschiedenen Fraunhofer-Instituten, dem Julius-Kühn-Institut in Braunschweig und zwei Industriepartnern hat Dirk Prüfer schon um sich geschart. Zunächst wollen sie mit Dichtungen und Miniaturreifen beginnen, um die Elastizität und Strapazierfähigkeit zu testen. Außerdem hat Prüfer ein erstes Verfahren zur besseren Verarbeitbarkeit des Löwenzahns zum Patent angemeldet.

          Eine „Nazi-Pflanze“

          "Entschuldigung, aber darf man an einer Nazi-Pflanze forschen?" Diese Frage beantwortet Dirk Prüfer auf Tagungen schon mal präventiv. Tatsächlich stammt ein Großteil des Wissens, auf dem seine Arbeit beruht, aus der Zeit des Dritten Reichs. Ohne den Russlandfeldzug wäre die Kunde von Prüfers bevorzugtem Objekt, dem besonders kautschukreichen Löwenzahn Taraxacum kok saghyz aus dem Tian-Shan-Tal in Kasachstan, vielleicht nie nach Deutschland gekommen. Diese Art sieht dem hier heimischen Verwandten zum Verwechseln ähnlich: gelbe Blüte auf langem Stiel, lange Blätter, nur etwas stärker gezahnt. Anspruchslos, wie die Blume ist, sprießt sie sogar auf versauerten Böden, auf denen es keine Kartoffel aushalten würde, glaubt Prüfer. Seine Löwenzähne stehen allerdings wohl behütet in Blumentöpfen im Gewächshaus.

          Noch gibt es zwar genügend Kautschuk - und zudem günstigeren als den Löwenzahn. Doch seit einigen Jahren steigen die Preise, denn dem Gummibaum macht das ertragsschwächende Virus Microcyclus ulei zu schaffen. Dem Löwenzahn dagegen können allenfalls Kaninchenhorden gefährlich werden. "Da hat man aber Erfahrungen vom Salatanbau. Die Masse macht es einfach. So viel können Kaninchen dann auch wieder nicht fressen", sagt Prüfer.

          Naturkautschuk statt Latex

          Und einen weiteren entscheidenden Vorteil hat der Gummi aus der Wiesenpflanze: Latexallergiker vertragen ihn ohne Probleme. Einen Nischenmarkt sieht Prüfer daher zum Beispiel bei Kondomen, Handschuhen und Kathetern. Bislang wird Naturkautschuk ausschließlich aus dem südamerikanischen Gummibaum Hevea brasiliensis gewonnen. "Der Löwenzahn soll den Kautschukbaum nur ergänzen, nicht ersetzen", sagt Prüfer.

          Allenfalls ein Zehntel des deutschen Gummibedarfs lässt sich durch die Blume decken. Dazu müssten etwa zehntausend Hektar bestellt werden, was sich gut auf sogenannten Marginalflächen bewerkstelligen ließe. Auf deren schlechten Böden können sowieso keine anderen Nutzpflanzen angebaut werden; und da es in Deutschland rund eine Million Hektar an Marginalflächen gibt, ist für den Löwenzahn genug Platz, ohne dass er mit Nahrungspflanzen um Ackerland konkurrieren müsste.

          Im Dritten Reich hingegen war die absichtliche Umwidmung von Ackerland zu Löwenzahnflächen ein perfider Nebenaspekt der Kautschukproduktion in Russland. Heinrich Himmler, Sonderbeauftragter in allen Fragen des Pflanzenkautschuks, ließ vor allem in Gebieten mit Partisanen Löwenzahn säen. Die dadurch erzeugte Nahrungsknappheit sollte zur Folge haben, dass die hungernden Bauern keine Lebensmittel an Partisanen abgaben.

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