https://www.faz.net/-gwz-x6xa

Gummi aus Löwenzahn : Von der Kriegsforschung zur neuen Biotechnologie

  • -Aktualisiert am

Die Pläne der Wehrmacht

Nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland wurde im Rahmen des Projektes "Kok-Saghys" Löwenzahn angebaut, um daraus Kautschuk für Reifen zu gewinnen. Hatte es schon vor Beginn des Krieges an Gummi gemangelt, so verschärfte die Seeblockade den Engpass noch erheblich. 1941 schätzte die Wehrmacht, dass die Vorräte für Schuhsohlen und Reifen nur noch einen Monat reichen würden. "Das hat dem Projekt eine Brisanz gegeben, dass sich die obersten Führungsriegen des Dritten Reiches wie Himmler dafür interessierten", sagt Susanne Heim vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Freiburg. Sie hat als erste Historikerin die Zusammenarbeit von Nazi-Funktionären und Naturwissenschaftlern im Kok-Saghys-Projekt beleuchtet.

Das Kautschukwissen ist Kriegsbeute. "Der Boom in der Pflanzenkautschukproduktion im Dritten Reich ging nach dem Überfall auf die Sowjetunion los", sagt Heim. In der Ukraine und in Russland wurde schon damals Kautschuk aus Löwenzahn erzeugt. An mehreren Standorten standen Verarbeitungsanlagen, welche die Reifenfabriken mit Latex belieferten. In Deutschland war die Forschung hingegen zögerlich angelaufen. Nicht einmal Versuchsfelder gab es. So nutzten die Deutschen bei dem Überfall auf die Sowjetunion die Gelegenheit, um sich der bestehenden Technologie zu bemächtigen. Zentnerweise transportierten sie Saatgut ab. Sie entwendeten russische Literatur, um sie ins Deutsche zu übersetzen, und beschlagnahmten Apparate.

Zwangsarbeit im Dienst der Wissenschaft

Hitler forderte anlässlich der Invasion, auf vierhunderttausend Hektar russischen Löwenzahn anzubauen. "Das sind gigantomanische Pläne gewesen, die vollkommen unrealistisch waren", sagt Heim. Doch den Plänen folgten Taten. Allerdings gab es für den Anbau und die Ernte des Löwenzahns so gut wie keine Maschinen, geschweige denn Stahl, um welche zu bauen. In den besetzten Gebieten in der Ukraine und in Russland wurden deshalb kurzerhand Arbeitslager am Rande der Kok-Saghys-Äcker eingerichtet. "Weil der Löwenzahn sehr feingliedrig ist, wurden Frauen und Kinder zur Zwangsarbeit verpflichtet", sagt Heim.

Gegen Ende des Jahres 1941 begannen Forscher, in der Märkischen Schweiz russischen Löwenzahn anzupflanzen, und sie errichteten eine Versuchsanlage zur Produktion von Gummi. "Zwangsarbeit im Dienst der Wissenschaft", nennt Heim das.

Im Jahr 1942 wurde in Auschwitz eine Forschungsstation für Pflanzenkautschuk eröffnet. Zwischen 150 und 250 Häftlinge aus dem Lager, überwiegend Frauen, mussten die Blätter und Blüten messen, mit Pinseln bestäuben, den Zeitpunkt der Keimung notieren und andere Routinearbeiten bei der Zucht kautschukreicher Löwenzähne übernehmen. Denn trotz des künstlichen Kautschuks aus Buna und obwohl in Russland auf bis zu vierzigtausend Hektar Löwenzahn angebaut wurde und der Kautschuk kistenweise ins Deutsche Reich transportiert wurde, konnte die Nachfrage der Rüstungsindustrie nicht gestillt werden. Mit dem Rückzug aus der Sowjetunion fehlten schließlich die Äcker, und der Nachschub versiegte.

Nach dem Krieg brach der gewaltsam errichtete Apparat zusammen. Aus den Tropen trafen wieder Schiffe mit Kautschuk ein. Außerdem trat der synthetische Gummi seinen Siegeszug an. Und bevor Dirk Prüfer sie wiederentdeckte, war über die Löwenzahnforschung längst Gras gewachsen.

Weitere Themen

Schüler versuchte Angreifer zu stoppen Video-Seite öffnen

Amokläufer in Colorado : Schüler versuchte Angreifer zu stoppen

Als zwei bewaffnete Täter in seine Schule eindringen stellte sich Kendrick Castillo ihnen ohne zu zögern in den Weg. Dies gab seinen Mitschülern die Gelegenheit die beiden Schuldigen zu entwaffnen. Der 18-jährige starb bei der Heldentat, konnte aber weitere Todesopfer verhindern.

Das Schöne, Wahre und Schmutzige Video-Seite öffnen

Physikästhetik : Das Schöne, Wahre und Schmutzige

Seit 400 Jahren lassen Physiker sich bei der Suche nach brauchbaren Theorien über die Natur von ästhetischen Erwägungen leiten. Heute wird bezweifelt, ob das grundsätzlich eine gute Idee ist. Zu Unrecht.

Topmeldungen

Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

Das heimlich aufgenommene Video, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.
Durch die Druschba-Pipeline fließt zur Zeit kein Öl.

Versorgung stockt : Lieferstopp für russisches Öl trifft Ostdeutschland

Seit vier Wochen erreicht kein russisches Öl mehr die deutschen Raffinerien. In Berlin wurde nun sogar das Flugbenzin knapp. Immer mehr drängt sich die Frage auf, wer für den Schaden aufkommt.
Wolfgang Schäuble kritisiert den Drang nach „immer perfekteren Regelungen“ auch beim Bundesverfassungsgericht

FAZ Plus Artikel: 70 Jahre Grundgesetz : Mehr Freiraum!

Das Grundgesetz wurde als Fundament für einen freiheitlichen, handlungsfähigen Staat geschaffen. Diesen Gedanken sollten wir wieder stärker freilegen, statt uns weiter einzumauern hinter immer neuen Regelungen, die noch detailliertere nach sich ziehen. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.