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Grundkurs in Soziobiologie (5) : Ewig lockt der Hahnenkampf

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DSDS: Anerkennung durch Öffentlichkeit Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Bekanntlich tun Menschen sehr viel, um in der Hierarchie möglichst weit oben zu rangieren. Ob Schützenfest oder „Deutschland sucht den Superstar“, ob Nobelpreis oder Fußball. Prestige ist eine biologische Ausnahmeerscheinung.

          Gesellschaften sind evolutionär entstanden, weil die Individuen für ihren sozialen Zusammenschluß belohnt wurden. Dieses Fazit aus den vorhergegangenen Lektionen gilt freilich nur in seiner zentralen Tendenz, im Mittel, aber keineswegs im Einzelfall. Ganz offensichtlich produzieren Gesellschaften auch Verlierer - Personen, die aus den Kooperationsgewinnen keinen Nutzen ziehen. Was Erfolg letztlich definiert, woran er zu messen ist und wie mit ihm in der sozialen Praxis umgegangen wird, ist bekanntlich kulturell höchst verschieden.

          Während für den Pietisten ein privilegierter Platz in der Sitzordnung seiner Kirche die Selbstvergewisserung über seine gesellschaftliche Stellung bedeutet, sind es für die Krieger der südamerikanischen Mundurucu die abgeschlagenen Köpfe ihrer Gegner. Während für die Ziegenzüchter Kaschmirs die Größe der Herde den gesellschaftlichen Rang anzeigt, ist es für den Wissenschaftler der Impact-Faktor seiner Publikationsliste. Kurz: Gesellschaften bilden Hierarchien aus, die nach Besitz, Einkommen, Bildung, Macht, Tapferkeit, Tüchtigkeit oder nach noch ganz etwas anderem ihren Mitgliedern eine rangskalierte Position zuweisen. Die Maßeinheit ist Prestige. Während Dominanz an gesellschaftliche Institutionen gebunden ist, beruht Prestige im Konsens einer Gesellschaft auf einer freiwilligen, ungezwungenen Anerkennung durch ihre Mitglieder und bildet jenes knappe Gut, um das zu konkurrieren sich offensichtlich lohnt.

          Schützenfest oder „Deutschland sucht den Superstar“

          Bekanntlich tun Menschen sehr viel, um in der lokalen Hierarchie ihrer (Sub-) Gruppe möglichst weit oben zu rangieren, um also kulturell möglichst erfolgreich zu sein. Ob Schützenfest oder „Deutschland sucht den Superstar“, ob Nobelpreis oder Fußball: die Szenarien des kulturellen Wettstreits manifestieren sich in nahezu grenzenloser Vielfalt, aber ihre Funktionslogik bleibt jeweils dieselbe: Über die Zuweisung von Ehre und Prestige werden Ranghierarchien verhandelt.

          Unser zweites Gesicht

          Aber wozu das Ganze? Wieso verfügen Menschen über eine Psyche, die ganz offensichtlich gar nicht anders kann, als Hierarchien zu konstruieren und die zugleich zur Teilnahme an entsprechenden Wettbewerben motiviert, und dies nicht selten unter persönlicher Inkaufnahme beachtlicher, nicht selten ruinöser Kosten und Anstrengungen. Wäre das Leben ohne Hahnenkämpfe nicht deutlich angenehmer? Warum hat die Evolution dies nicht zugelassen? Nun - die Antwort ist schnell gefunden: Weil es sich in den evolutionären Szenarien der Menschheit genetisch auszahlte, kulturell angesehener als die Mitwerber um genetische Fitness zu sein.

          Genetisches Eigeninteresse

          Prestige konnte nämlich in Reproduktionserfolg übersetzt werden, weshalb historisch kultureller Erfolg mehr oder weniger eng mit reproduktivem Erfolg korrelierte. Dies strahlt bis in die Gegenwart aus: Ob die wildbeuterischen Yanomami in den tropischen Wäldern Venezuelas, die Vieh züchtenden Kipsigis Kenias, die europäischen Bauern des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, die religiös fundamentalistischen Amish in Pennsylvania oder die Fischer Mikronesiens. In diesen und weiteren Bevölkerungen konnte ein mehr oder weniger enger Zusammenhang zwischen sozialen und reproduktiven Hierarchien nachgewiesen werden. Es lohnt sich also im genetischen Eigeninteresse, in sozialem Wettbewerb zu reüssieren. Über welche physiologischen, psychischen und sozialen Mechanismen im einzelnen sich die gefundenen Zusammenhänge erklären, ist wiederum kulturell sehr verschieden, wenngleich sich doch eine transkulturelle Universalie herauszuschälen beginnt: Offensichtlich haben sozial erfolgreiche Männer überall auf der Welt das, was im Laborjargon der Soziobiologen „Paarungserfolg“ genannt wird. Sie sind mehr als ihre weniger erfolgreichen Mitbewerber interessant und attraktiv für Partner suchende Frauen.

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