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Grundkurs in Soziobiologie (3) : Rudel rund ums runde Leder

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Die WM entfacht Rudelbildungen Bild: picture-alliance/ dpa

Die soziale Gruppenzugehörigkeit bestimmt ganz entscheidend die persönliche Biographie eines jeden Individuums. Das Ich wird durch die Gruppe mitbestimmt, und der Verstand in den Primatengehirnen beginnt dies zu begreifen.

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          Die Geschichte der Menschheit setzt einen Trend fort, der bereits die soziale Evolution der nichtmenschlichen Primaten gekennzeichnet hat: Die Arena des „survival of the fittest“ ist vorrangig ein sozialer Wettbewerb, und dieser äußert sich nicht zuletzt in einer mehr oder weniger scharfen Konkurrenz von organisierten Gruppen untereinander. Was sich bei Pavianen herauszubilden beginnt, erfährt bei Schimpansen und bei Menschen seine Steigerung: Die soziale Gruppenzugehörigkeit bestimmt ganz entscheidend die persönliche Biografie eines jeden Individuums. Das Ich wird durch die Gruppe entscheident mitbestimmt, und der aufkeimende Verstand in den Primatengehirnen beginnt dies zunehmend zu begreifen.

          Individualismus war in der Natur- und Kulturgeschichte so lange weder gefragt noch erfolgreich, wie der persönliche Erfolg notwendigerweise vom Gruppenerfolg abhing. Die existenzielle Abhängigkeit des Individuums von seiner Gemeinschaft hat die Idee des Wir entstehen lassen - jene Idee, die von Ideologen aller Zeiten und aller Couleur so gern beschworen wird. Wobei freilich die nähere Bestimmung, wer Wir eigentlich sind, historisch sehr unterschiedlich getroffen wurde. Mal definiert es sich über ethnische Ursprünge, mal über die soziale Klassenzugehörigkeit, mal über die regionale Heimat, mal über Glaubensgemeinschaften oder ganz anders.

          Anreizstrukturen

          Entsprechend der Logik seiner evolutionären Entstehung kann nun das Wir kein offenes System sein, will sagen, es kann sich nicht unterschiedslos auf alle Angehörigen der Art Homo sapiens beziehen. Es konstituiert sich schließlich erst durch eine psychologische Abgrenzung von den Anderen, weshalb die Idee des Wir nicht auf Pluralität angelegt ist, sondern auf Singularität der ganz besonderen Art.

          Unser zweites Gesicht

          Die Wir-Psychologie kennt viele Facetten: Zunächst gehört dazu eine als selbstverständlich empfundene Unterscheidung von den Anderen und eine gewisse Skepsis gegenüber deren Lebenspraxis. Dies kann sich irgendwo zwischen bloßer Hochnäsigkeit und aggressiver Ablehnung ansiedeln. Es gehören ferner Anreizstrukturen für gruppendienliches Verhalten dazu, das von der Gemeinschaft mit dem sozial wertvollen Gut des Prestige entlohnt wird. Und natürlich gehört eine Affinität für all jene Rituale hinzu, die den Gemeinschaftszusammenhalt symbolisch kommunizieren und immer wieder kollektivistisches Denken, Fühlen und Handeln beschwören. Kurz: Menschen verfügen über eine ausgeprägte und das Verhalten nachdrücklich bestimmende Wir-Psychologie - entstanden und gewachsen aus einer evolutionären Geschichte, die älter ist als die Menschheit selber.

          „Wir und die Anderen“

          Die neuzeitliche Geschichte löst sich vom Kollektivismus. Das Denken a la „Wir und die Anderen“ verliert zumindest im Westen an Bedeutung. Nicht daß es überhaupt keine Rolle mehr spielte, aber in der zentralen Tendenz nimmt die Präferenz des Ich über das Wir zu. Kollektive zerfallen zu Einzelkämpfern. Das Gefühl und das Wissen um das Wir geht zunehmend verloren.

          Dieser Verlust wird offensichtlich nicht gut verkraftet. Die neuronalen Schaltkreise (Experten sprechen auch gern von Darwinischen Algorithmen, um das etwas altbackene Wort Instinkt zu vermeiden) für das Wir-Gefühl suchen Input. Das Gehirn braucht ganz offensichtlich die Selbstvergewisserung über das Wir, braucht zumindest einen Hauch von Ich-Entgrenzung. Und dies etwa nicht, weil es in der Moderne immer noch irgendwie funktional wäre, im Wir auf- und unterzugehen, nein, der Bedarf entsteht einfach nur deshalb, weil es die entsprechenden Programme des Gehirns gibt, die bedient werden wollen. Und wenn kollektivistische Religionen und ihre quasireligiösen säkularen Spielarten zumindest im Westen an Attraktivität verloren haben, bedarf es anscheinend der Kompensation. Deutschland und die Welt erlebt zur Zeit ein Lehrstück darüber, wie die Natur der Gesellschaft ihr Recht verlangt. Zum Glück gibt es Fußball!

          „Selber denken“

          Man kann sich den kollektivistischen Ritualen unterziehen und mitgrölen, ohne zugleich in den Verdacht dumpfer Gesinnung zu geraten. Man darf eine emotional tiefe und auch irrationale Affinität zu einer Mannschaft entwickeln und ausleben, ohne zugleich in den Verdacht zu geraten, als Mitläufer das Kantsche „Selber Denken“ an der Garderobe abgegeben zu haben. Man darf uniforme T-Shirts tragen, ohne sie Uniform nennen zu müssen. Man darf sich schminken, ohne von Kriegsbemalung reden zu müssen. Man kann überbordende moralische Entrüstung über das Fehlverhalten der anderen zeigen, ohne zugleich als humorlose Engstirne gelten zu müssen, und man darf die Gegner ridikülisieren und karrikieren, ohne daß dies zugleich einen Krieg auslöst (Ausnahmen sind allerdings bekannt). Kurz: Man kann sich im Fußball ganz einfach der Regression auf Rudelbildung hingeben - und das Ganze in wohliger Party-Laune.

          Allerdings verhält es sich mit dem Wir-Gefühl und seinen Begleiterscheinungen ähnlich wie mit Hühneraugen. Normalerweise spielen sie keine Rolle. Man mag angesichts ihrer Seltenheit geradezu bezweifeln, ob es sie überhaupt noch gibt. Aber wie alle biologischen Merkmale, auch die der Psyche, werden sie nicht wirklich überwunden, sondern die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens ist eine Funktion der Umstände. Wehe, der Schuh drückt!

          „Die Welt zu Gast bei Freunden“

          Das Spiel mit dem Wir ist aber keineswegs so harmlos, wie man es gerne hätte. Und weil dies so ist, hat die Fifa-WM einiges an Authentizität verloren. Was als Freude an der Party die gute Stimmung bei der Rudelbildung belegt, ist nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite wird sichtbar in Sicherheitsmaßnahmen nie dagewesenen Ausmaßes, die dafür sorgen, daß die unfreundlichen Nebenwirkungen nicht sichtbar werden. Offensichtlich kann man nur computerverlesenen, namentlich bekannten Mitgliedern der Art Homo sapiens zutrauen, den Wettbewerb um einen letztlich harmlosen Pokal ohne unerwünschte Nebenwirkungen erleben zu können.

          Und dieser Aufwand gilt nicht, wie man so häufig hören kann, der Unberechenbarkeit von wenigen Außenseitern, sondern er gilt ganz im Gegenteil der Berechenbarkeit der ganz normalen evolvierten Natur des Menschen, zu der auch eine leicht zu provozierende kollektive Gewaltbereitschaft gehört. Das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ ist deshalb mindestens genausoviel Beschwörung wie eine freundliche Einladung. Freilich, es gibt natürlich eine Ästhetik des Fußballs, die zu genießen denjenigen vergönnt ist, die sie zu erkennen in der Lage sind, und dazu bedarf es nur eines Wir-Gefühls der harmlosen Variante.

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