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Grundkurs in Soziobiologie (2) : Die Goldene Regel

  • -Aktualisiert am

Verpackte die Goldene Regel in philosophisch bedeutsame Worte: Immanuel Kant Bild: picture-alliance/ dpa

Die Goldene Regel gilt überall auf der Welt als Definition der menschlichen Sittlichkeit. Sie beschreibt, was als fair und gerecht zu bewerten ist. Dennoch wird sie häufig gebrochen. Woran liegt das? Moralskeptikern fällt die Antwort leicht.

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          Zwar wurde sie von niemandem sonst in philosophisch so bedeutsame Worte gesetzt wie von Immanuel Kant, als er den Kategorischen Imperativ zu Papier brachte, aber als Idee scheint die „Goldene Regel“, so weit man weiß, in allen menschlichen Gesellschaften auf. Überall auf dem Globus, unter den unterschiedlichsten sozialen, kulturellen, ökologischen und spirituellen Regimes verspüren Menschen Intuitionen über das, was als fair und gerecht zu bewerten ist.

          Und eine Komponente dieser Intuitionen ist das Wechselseitigkeitsprinzip. Auch ohne Kant gelesen zu haben und auch ohne überhaupt jemals eine Moralerziehung genossen zu haben, sind Menschen sich weitgehend einig, daß Fairness etwas mit sozialer Symmetrie zu tun haben muß. Das „Was Du nicht willst, was man Dir tu“ soll im weitgehenden Konsens über Völker und Epochen hinweg gespiegelt werden durch das „das füg' auch keinem anderen zu“.

          Warum gibt es eigentlich Freundschaften?

          Man kann sich dem Charme der Goldenen Regel nicht widersetzen. Sie gilt geradezu als unangefochtene Ikone der menschlichen Sittlichkeit. Stellt sich die Frage, warum die Goldene Regel denn eigentlich so häufig gebrochen wird, wo doch jeder, der Verstand und Herz hat, sie in voller Absicht befolgen sollte, um den sozialen Frieden und somit letztlich auch den eigenen Nutzen zu mehren. Moralskeptikern fällt die Antwort nicht schwer. Sie verweisen darauf, daß die reale Lebenswelt voller Anreizstrukturen ist, die Goldene Regel einfach zu vergessen.

          Unser zweites Gesicht
          Unser zweites Gesicht : Bild: F.A.Z.

          Wenn deren Nichtbeachtung mit mehr Nutzen verbunden ist als ihre Beachtung, sind Menschen als opportunistische Nutzenmaximierer schnell bereit, die moralische Bremse zu lockern. Aber warum, so wird man dann fragen müssen, gibt es dann überhaupt die Idee der Wechselseitigkeit, und vor allem: warum gibt es auch ihre mehr oder weniger ausgeprägte Praxis im alltäglichen Vollzug? Welchen evolutionären Hintergrund könnte es haben, im Verfolg ureigenster Interessen sich auch den Belangen anderer zuzuwenden? Warum gibt es eigentlich Freundschaften?

          „Der wahre Egoist kooperiert“

          Die kurze Antwort lautet: Weil das Leben häufig bereithält, was man als „Nicht-Nullsummenspiele“ oder auch „win-win-Situationen“ bezeichnet. Ein einfaches Beispiel aus der Tiefe der menschlichen Geschichte, die sich bekanntlich zu 99,5 Prozent in Wildbeutergesellschaften abspielte (was nicht ohne Folgen für die menschliche Psyche auch in der Moderne geblieben ist). Stellen Sie sich vor: Als steinzeitlicher Jäger hatten Sie Jagdglück und konnten eine Gazelle erlegen. Ihr Nachbar allerdings hatte Pech und kommt mit leeren Händen zurück. Als rationaler Nutzenmaximierer sollten Sie bereitwillig von Ihrer Jagdbeute abgeben, denn dies sichert Ihrem Nachbarn das Leben, und es könnte ja sein, daß sich das Jagdglück morgen wendet. Ihr Nachbar wird aushelfen.

          Wenn Sie teilen, investieren Sie also in Ihr eigenes Wohlergehen, auch wenn Sie dafür den Nachbarn als eine Art Versicherung instrumentalisieren. Über die Lebensspanne betrachtet ist in diesem Beispiel die Nachbarschaftshilfe eine win-win-Situation für zwei Egoisten. Und auch hier gilt wieder: Kein Soziobiologe will freundschaftliche Kooperation diffamieren, will warmherzige Sympathien zu kaltherzigen Egoismen umdefinieren. Dennoch gilt, daß sich das moralische Gut der Wechselseitigkeit als evolutionär logische Konsequenz eines unsentimentalen, amoralischen „Gen-Egoismus“ darstellt. „Der wahre Egoist kooperiert“, hat einmal ein kluger Kopf formuliert.

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