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Glyphosat : Grünes Gift

Umweltverbände und Naturschützer nutzten dennoch die Gelegenheit, um auf die Gefährlichkeit von Glyphosat hinzuweisen. Die Funde zielen auf Empörung, und die Strategie ist erfolgreich angesichts des Reizwortes Monsanto. Das Bundesinstitut für Risikoforschung hingegen stufte die Beweiskraft der Untersuchung als unzureichend ein und empfahl den Müttern, weiter zu stillen. Die Werte lägen weit unter dem Grenzwert von 0,3 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag.

Die Debatte ist so alt wie das Mittel selbst

Wer hat recht? Die Sache ist kompliziert. Einig sind sich beide Seiten, dass bestimmte Beistoffe dieser Unkrautvernichter, etwa die sogenannten POE-Tallowamine, ausgetauscht werden müssen. Teilweise ist das schon passiert. Diese sogenannten Netzmittel sind nötig, damit die natürliche Fettschicht einer Pflanze überhaupt durchdrungen wird. Sonst würde Glyphosat gar nicht wirken. Macht womöglich der Cocktail verschiedener Stoffe das Mittel erst gefährlich?

Diesen Verdacht äußern verschiedene Wissenschaftler, darunter auch die Biologin Angelika Hilbeck von der ETH Zürich. Sie erinnert daran, dass das Thema Krebs bei Glyphosat keineswegs neu sei. „Es wurde schon vor über dreißig Jahren diskutiert“, sagt sie. Erst 1991 hat die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA das Mittel zurückgestuft. Davor galt es als „möglicherweise karzinogen“. Im August möchte das Krebsgremium der WHO ausführlich darlegen, warum es Glyphosat für gefährlich hält. „Dann wird es spannend“, sagt Hilbeck.

Selbst wenn die WHO am Ende einlenken sollte, kommen auf die Bauern große Probleme zu. „In Nordamerika bilden sich immer häufiger Resistenzen gegen Glyphosat“, sagt Biologin Hilbeck. Auf den Mais- und Baumwollplantagen sprießen deshalb die unerwünschten Superunkräuter. „Das hat Monsanto bei der Einführung der gentechnisch veränderten Pflanzen immer bestritten“, sagt sie. Aber die Unkräuter halten sich nicht daran und der Konzern übernehme dafür keine Verantwortung.

Die Industrielandwirtschaft steckt in der Sackgasse

Dabei hat Monsanto die Farmer in Amerika von dem Stoff praktisch abhängig gemacht. Schließlich sind dort - im Gegensatz zu Europa - genetisch veränderte Nutzpflanzen zugelassen, die gegen Glyphosat resistent sind. Die Farmer können sprühen, wann immer sie wollen, ihr Getreide bleibt verschont. Teilweise wird die Chemikalie sogar mit dem Flugzeug großflächig verstäubt. Da das Wundermittel langsam seine Wirkung verliert, spritzen die Landwirte in ihrer Verzweiflung immer mehr - und Monsanto profitiert. „Die Industrielandwirtschaft hat sich selbst in die Sackgasse manövriert“, sagt Hilbeck. Man habe sich die Resistenzen wissentlich gezüchtet.

Martin Schlegel hat ebenfalls schon schlechte Erfahrungen mit Glyphosat gemacht. Als der Bauer vor zwei Jahren den Pflug stehenließ und das Stoppelfeld einzig mit dem Präparat sauberspritzte, wehte im Hochsommer plötzlich die zu Staub verfallene Krume fort. Dieses sogenannte Direktsaatverfahren soll im Vergleich zum Pflug eigentlich den Boden schonen; die wendende Eigenschaft des Pfluges befeuchtet zwar die Krume, lockert den Boden jedoch zu sehr. Wenn der Acker nun nach dem Anbau nicht umgebrochen wird, bedarf es eines Totalherbizids wie Glyphosat. In Dürrezeiten allerdings trocknet der Boden sehr schnell aus.Das Direktsaatverfahren ist für Schlegel deshalb gestorben: „Das passiert mir nicht noch einmal.“ Heute achtet er auf Fruchtfolgen, pflanzt Hülsenfrüchte und schaut ab und an, wie der benachbarte Ökobauer mit dem Unkraut klarkommt. Es geht wohl auch ohne Chemie. Nur nicht so einfach.

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