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Glyphosat : Grünes Gift

Fünf tausend Tonnen landen jedes Jahr auf deutschen Äckern

Krebserregend oder nicht? Es geht bei diesem Streit nicht nur um ein sehr wirksames und beliebtes Spritzmittel - und welche Seite am Ende recht behält. Es geht bei diesem Streit längst um mehr. Um die Zukunft der modernen Landwirtschaft.

Im Weinberg merkt man davon noch nicht viel. Im April erst hat Martin Schlegel Glyphosat gespritzt. Die anderen Winzer ebenso. Und auch sonst kommt die chemische Keule auf deutschen Äckern weiter zum Einsatz - sei es bei Weizen, Mais oder im Obstbau. Rund 5000 Tonnen jährlich werden hierzulande ausgebracht, weltweit sind es 720 000 Tonnen. Die EU-Zulassung läuft Ende des Jahres vorerst aus; in Rheinland-Pfalz hat Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) jetzt den Einsatz auf öffentlichen Flächen verboten und will ihn weiter einschränken.

Die Bauern versprühen das Mittel vor der Aussaat, um reinen Tisch zu machen, und kurz vor der Ernte. Letzteres, die sogenannte Sikkation, ist besonders umstritten, weil Weizen, Raps und Kartoffeln absichtlich totgespritzt werden, um die Reife zu beschleunigen. Wie die Sikkation wirkt, kann man bei der Kartoffel beobachten. Über Nacht verwandelt sich saftiges Grün in welkes Gelb.

Glyphosat-Gegner sagen, das Mittel mache den Bauer bequem

Das am meisten verwendete Glyphosat-Produkt ist der Unkrautvernichter Roundup des amerikanischen Agrarkonzerns Monsanto, der das Mittel 1970 entwickelte und patentierte. Seit dem Jahr 2000 sind mehrere Dutzend Glyphosatpräparate verschiedener Hersteller in Deutschland zugelassen. Kleingärtner schwören darauf, ebenso die Deutsche Bahn, die damit landesweit ihre Gleise von Pflanzen befreit.

Die Gründe für den vielfältigen und großflächigen Einsatz sind offenkundig: Glyphosat ist billig, gründlich und erleichtert den Landwirten die Arbeit erheblich. Gegner sprechen deshalb verächtlich von einem Convenience-Produkt für die Agrarwirtschaft. Eines, das es den Bauern bequem mache, weil es eben so einfach wirke. Früher bedeutete die Unkrautvernichtung noch schwere Arbeit. Vor allem an Steilhängen hieß es: rupfen, jäten, harken.

Heute wird gespritzt - und der Bauer hat seine Ruhe. „Früher sind wir hier mehrmals im Jahr mit fünf Mann am Berg gewesen, um das Unkraut wegzuhacken“, sagt Schlegel. Heute schnallt er sich einmal im Jahr den Plastik-Kanister mit dem Spritzmittel um und läuft allein durch die Reihen. Müssen die Bauern künftig wieder selbst Hand anlegen, falls die Chemikalie verboten werden sollte? Schlegel zieht die Augenbraue hoch. Ein ähnlich gründliches Mittel gibt es nicht, das zumindest ist klar. Dort, wo Glyphosat hingelangt, wächst im Wortsinne kein Kraut mehr. Es sickert bis in die Wurzeln und blockiert einen Stoffwechselweg, der nur bei Pflanzen existiert. Sie können fortan keine Photosynthese mehr betreiben und sterben ab. Im Boden und im Wasser wird das Mittel, das in seiner Struktur der Aminosäure Glycin ähnelt, biologisch abgebaut, allerdings kann dieser Vorgang mehrere Wochen bis Monate dauern. Das Hauptabbauprodukt Ampa (Aminomethyl-Phosphonsäure) hingegen ist stabiler und verbleibt noch länger in der Natur. Je häufiger Glyphosat gespritzt wird, desto höher sind die Rückstände. Im Boden, im Wasser, in Lebensmitteln und im Körper - das Mittel ist überall. Aber ist es auch gefährlich?

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