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Glosse : Ökospeisung für den Planeten

Der Ozean - Lebensspender und Müllkippe. Bild: ARTBEATS

Nicht die Apokalypse, die Rettung des Planeten ist Thema der Stunde. Ein Ökobericht jagt den nächsten. Und wir lernen sogar, wie Insektenfraß die Erde schont.

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          Wir sind im Jahr der Rettung unseres Planeten, was bisher zwar auf den Wahlplakaten kaum abzulesen war und was in dem Apokalpsenhype zu Jahresbeginn leicht unterging. Es ist aber spätestens jetzt ganz leicht daran zu erkennen, wie kurz vor dem Rio-Umweltgipfel unentwegt neue, bekümmerte Ökoberichte wie der „Living Planet Report“ des WWF oder „Zur Lage der Welt“ medial aufgerufen werden. Auf vielfältige Rettungsbemühungen lassen schließlich auch die vielen klugen Fragen schließen, die plötzlich die globale Runde machen. Eine davon geisterte jetzt über Twitter: „Können Insekten die Welt ernähren?“ Darüber will man im Affekt natürlich nicht nachdenken, erst recht nicht, wenn die Insektenspeisung mit einem Video schmackhaft gemacht werden soll. Wer allerdings die mentale Hürde nimmt und sich mit dem Vorschlag der couragierten Entomophagen beschäftigt, erkennt plötzlich eine bestechende Logik: Schweine und Rinder verschleudern als Warmblüter Unmengen an Energie allein für die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur, Insekten hingegen sind Energiesparmodelle der Evolution. Dabei übertrifft ihre Biomasse - ungezüchtet - jene der Schweine um mehr als das Doppelte. Und das Potential scheint unermesslich. Meereskundler aus San Diego haben uns etwa aus der Mitte des Pazifiks via „Biology Letters Online“ die Kunde übermittelt, dass auf halbem Wege zwischen Hawaii und Kalifornien eine Insel der entomophagen Glückseligkeit schwimmt.

          Der bis dahin nur als nordpazifischer Müllstrudel bekannte Wirbel, der dank der vorherrschenden Winde eine rechtsdrehende Müllkippe von der Ausdehnung Mitteleuropas hervorbringt, die aus geschredderten Paletten, Flaschenverschlüssen, Computerteilen, Einwegfeuerzeugen, Zahnbürsten und Plastiktüten besteht, ist offenbar zugleich die Wiege einer lukullischen Megainsel. Auf dem Plastik wurden nämlich massenweise Meerwasserläufer entdeckt. Und wo Wasserläufer brüten, das wissen wir vom Dr.-Otto-Weiher, ist die Nahrungskette noch intakt. Die Aufgabe für die kommenden Generationen kann also nur darin bestehen, diesen marinen Schmelztigel möglicher entomophagischer Hochkulturen sorgfältig zu ergründen und zu hegen. Mögen ganze Flotten den Weg in den Pazifik finden. Und der Planet wird auf den Geschmack kommen. Und aufatmen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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