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Gestrandete Wale : Da müssen schon Fachleute ran

  • -Aktualisiert am

Museum oder Abdeckerei? Auf Wangerooge konnte er jedenfalls nicht bleiben. Bild: dpa

Wenn ein toter Wal angespült wird, heißt es immer, dass er explodieren könnte. Das passiert aber nur, wenn er unsachgemäß behandelt wird.

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          Es sind Bilder, die man niemandem zum Frühstück wünscht. Ein Wal stirbt, strandet, bläht sich auf - und explodiert. Das Innere wird mit hoher Geschwindigkeit meterweit nach außen geschleudert. Echt ekelerregend. Aber gleichzeitig so faszinierend und bizarr, dass Videos explodierender Wale im Internet millionenfach angeklickt werden.

          Es gibt einen eigenen, englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu Walexplosionen. Es gibt - mehr oder weniger ernsthafte - Fachbücher. Es gibt eine skurrile Chronik (theexplodingwhale.com). Es gibt eine Simpsons-Folge. Und es gibt die zwölf verendeten Pottwale an der Nordseeküste, die in den vergangenen Tagen auf verschiedenen Inseln angeschwemmt wurden, bestialisch stanken und die Behörden dazu veranlassten, ganze Strandabschnitte zu sperren. Wegen angeblicher Explosionsgefahr, wie es überall hieß.

          Die Anatomie des Wals ist angelegt für extremen Druck

          Auf der Insel Wangerooge hat man deshalb einen Tierpräparator für die Beseitigung der Walkadaver angeheuert. Dort, auf einer Sandbank auf der Ostfriesischen Insel, sind am vergangenen Wochenende die ersten beiden Exemplare gestrandet. Am Mittwoch dann legte Aart Walen, der holländische Experte mit dem prädestinierenden Namen, Hand an. Mit einem langen Messer schnitt er Löcher in den Kadaver und ließ so kontrolliert Luft ab. Gefahr gebannt, hieß es anschließend.

          Ein ähnlich traumatisches Erlebnis hat man in Trout River bereits hinter sich. Im kanadischen Fischerdörfchen wurde im Mai 2014 sogar ein aufgeblasener Blauwal angeschwemmt, der den ganzen Ort in Angst versetzte. Tagelang ließen die Bürger den mehr als 25 Meter langen Kadaver nicht aus den Augen. Der Rest der Welt konnte entspannt auf der Homepage hasthewhaleexplodedyet.com darauf warten, ob das größte Tier der Welt nun endlich in die Luft fliegt. Der Gestrandete wog immerhin an die hundert Tonnen. Allein die Zunge brachte es auf vier Tonnen, das Herz war so groß wie ein VW Käfer. Und im Magen-Darm-Trakt des Tiers waren Bakterien fleißig: Sie produzierten Gase, der Kehlsack blies sich immer weiter auf. Doch der Wal explodierte einfach nicht.

          Von allein wäre er das auch nicht, sagt der Paläontologe Achim Reisdorf von der Universität Basel. Dass Kadaver spontan explodieren, sei ein Mythos. „Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich davon höre“, sagt er. Dagegen spreche allein schon die sehr dicke Fettschicht der Meeressäuger, die es einem Koloss wie dem Pottwal ermöglicht, mehr als zweitausend Meter tief zu tauchen. „Die Anatomie der Wale ist angelegt für extremen Druck“, sagt Reisdorf. Das gilt bei lebenden Exemplaren für den hohen Außendruck in den Tiefen des Ozeans, aber natürlich auch umgekehrt: Selbst wenn sich im Innern des Kadavers Fäulnisgase sammeln und die Temperatur dadurch innerhalb kurzer Zeit auf mehr als sechzig Grad steigt, hält die Außenhülle dem wachsenden Druck stand. Wenn Gase durch die Fettschicht entweichen, dann langsam - auch wenn der ausströmende abscheuliche Aasgestank etwas anderes vermuten lässt.

          Waltouristen sollten Abstand halten, Veterinäre müssen näher ran

          Nur wenn unsachgemäß nachgeholfen wird, können Wale in die Luft fliegen. So geschah es zuletzt im November 2013 bei einem Pottwal auf den Färöer-Inseln (die Fontäne der Explosion erreichte eine Geschwindigkeit von 64 Kilometern pro Stunde) und vor zwölf Jahren bei einem Pottwal in Taiwan, der beim Abtransport mitten in der Stadt eine riesige Sauerei hinterließ. Die Videos davon sind mittlerweile Legende.

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