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Gentechnologie und Artenvielfalt : Klone als Ausputzer des Artenschutzes?

Von jeder Gattung ein Paar, nicht nur Gewebeproben: Die Arche Noah auf einem Holzschnitt von 1494 Bild: Foto Ullstein

Für die seltensten unter den seltenen Tierarten wird bald jede Biotechnik mobilisiert. Doch wo bleiben die Resultate? Die von manchen in Aussicht gestellte „Arche“ dümpelt im Schatten schillernder Klonunternehmen.

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          Die Nachricht platzte mitten in die aktuellen Verhandlungen der Vereinten Nationen zur Biodiversitätskonvention in Bonn: Das Nördliche Breitmaulnashorn, Ceratotherium simum cotton, gibt es nicht mehr in der freien Wildbahn. Strenggenommen ist die nördliche Variante des weißen Nashorns damit noch nicht ausgestorben, weil man immer noch einige wenige Zootiere in San Diego und im tschechischen Dvur Kralove hält. Aber die Wildbestände scheinen wohl endgültig kollabiert. Pete Morkel von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, der sich im Frühjahr auf die Suche nach den letzten verbliebenen geschätzten ein Dutzend Tieren im nordkongolesischen Garamba-Nationalpark aufgemacht hatte, kehrte ohne Erfolgsmeldung zurück. Er vermutet, dass auch die letzten Rhinozerosse dieser Unterart von Wilderern erlegt worden sind.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Und weil neben den in den vergangenen Jahrzehnten durchaus intensivierten Arten- oder Naturschutzbemühungen auch die Erhaltungszuchten in den Tierparks gescheitert sind, gilt das Nördliche Breitmaulnashorn damit endgültig als ein weiterer Kandidat für ein Projekt, das man Klon-Arche nennen könnte. Dessen Anfang liegt ziemlich genau zehn Jahre zurück. Es war das Jahr eins nach "Dolly". So hieß das berühmte Schaf aus dem Roslin-Institut vor den Toren Edinburghs, das zum Inbegriff eines biologischen Wunders geworden war.

          Dollys Vermächtnis

          Mit Dolly war das Klonen von Säugetieren und damit quasi die Rekonstruktion eines gesamten höheren Organismus nur mit Hilfe der Erbinformation einer schlichten Körperzelle plötzlich Realität geworden. Richtig märchenhaft aber wurde es für die Freunde der künstlichen Schöpfung, als mit dem Dolly-Verfahren nach einer japanischen Kuh und einem Dutzend hawaiianischer Labormäusen einige Monate später in Neuseeland ein extrem seltenes Kalb namens "Elsie" geboren wurde - ein aus einer Körperzelle rekonstruiertes Enderby-Island-Rind. Der Nachkomme des buchstäblich letzten Exemplars seiner Art. "Lady", eine schwarzweiß gescheckte Kuh, war die letzte Überlebende dieser im neunzehnten Jahrhundert auf der subantarktischen Endery Island eingeführten und anschließend verwilderten Rinderrasse. Der letzte Strohhalm für eine aussterbende Art.

          Es war eine Sensation, die damals allerdings kaum als solche wahrgenommen wurde, denn die Nachricht von der Erzeugung des Kalbes wurde in der bis heute weithin unbeachteten Zeitschrift namens "Reproduction Fertility Development" bekanntgegeben. Die Fortpflanzungsspezialisten machten nicht viel Aufhebens davon. Doch mit jedem weiteren Klon wurde das neuseeländische Fortpflanzungskonzept bekannter und in den folgenden Jahren schließlich zur Blaupause für einen gelegentlich als Projekt "Arche" titulierten Rettungsplan für bedrohte Tierarten. Auf Elsie folgten vier weitere Wildrind-Klone in der Forschungsstation Ruakura nahe Auckland.

          Aufstocken der Populationen

          In der ganzen Welt machten sich plötzlich Zoobetreiber und Artenschützer ernsthaft Gedanken, das schon beachtliche Arsenal an Reproduktionstechniken um diese neue Biotechnik zu erweitern, die vielleicht besser als alle anderen geeignet wäre, vom Aussterben bedrohte, extrem scheue, gefangenschaftsuntaugliche und fortpflanzungsträge Tiere zu erhalten. Die Populationen womöglich sogar in kürzester Zeit, weit unterhalb der natürlichen Generationenfolge, aufzustocken. Ganz oben auf der Liste der bald zweitausend extrem bedrohten Tierspezies waren von Anfang an die gut 160 Säugetierarten, vornean einige Vettern der ersten Klontiere wie der am Rande des Aussterbens stehende Pyrenäen-Steinbock oder das Urial-Wildschaf, aber auch die ewigen Sorgenkinder der Zooreproduktionsmediziner wie Nashörner oder der Große Panda.

          Fortschritte hatte man zwar allenthalben schon veterinärmedizinisch zu verzeichnen: Künstliche Besamung, Embryotransfer nach künstlicher Befruchtung und zellsortierte Geschlechterauswahl im Reagenzglas entwickelten sich sukzessive fort. Bei Elefanten, Oryx-Antilopen und Weißseiten-Delphin wuchsen dadurch die Populationen, zumal jene in Gefangenschaft, und bald wurden nach dem Transfer von Embryonen eines Urials auf ein Hausschaf Trächtigkeiten erzeugt und von Embryonen des extrem seltenen Bali-Rinds (Banteng) auf eine Hauskuh Jungtiere geboren.

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