https://www.faz.net/-gwz-ryjd

Genetik : Verborgener Sex bei Pilzen

  • -Aktualisiert am

Der Gießkannenschimmel gibt seine Geheimnisse preis Bild: AG Braus

Schimmel kann schädlich sein, nützlich und auch aufschlußreich. Forscher haben das Erbgut von drei Aspergillus-Arten entschlüsselt. Eine der ersten Erkenntnisse: Schimmel scheint heterosexuell zu sein.

          Auf der aktuellen Liste der Organismen mit entschlüsseltem Erbgut stehen jetzt Schimmelpilze an oberster Stelle. Ein internationales Konsortium aus 150 Forschern hat sich gleich drei Arten von Aspergillus-Pilzen vorgenommen und deren Genome sequenziert. An den Untersuchungen waren auch Arbeitsgruppen um Gerhard Braus von der Universität Göttingen und Reinhard Fischer von der Universität Karlsruhe beteiligt. Von den Ergebnissen, die in der Zeitschrift „Nature“ vorgestellt wurden, erhofft man sich beachtlichen Nutzen für die Medizin, Biologie und Biotechnologie.

          Schimmelpilze der Gattung Aspergillus sind weltweit verbreitet. Zwanzig der insgesamt 185 bekannten Arten können Krankheiten beim Menschen hervorrufen, andere sind als Pflanzenschädlinge gefürchtet. Etliche Arten des Gießkannenschimmels, wie die Aspergillus-Pilze auch genannt werden, haben sich hingegen als äußerst hilfreich für den Menschen erwiesen. Man verwendet sie bei der Herstellung von Lebensmitteln, Chemikalien und Enzymen oder nutzt sie als „Modellorganismen“ in der Forschung.

          Drei Pilze, drei Eigenschaften

          Praktisch das gesamte Spektrum wird durch die drei jetzt untersuchten Arten abgedeckt. Aspergillus oryzae dient in Japan traditionell zur Herstellung fermentierter Nahrungsmittel und Getränke, Aspergillus fumigatus kann den Menschen infizieren und bei geschwächtem Immunsystem leicht zum Tod führen, während der dritte Pilz im Bunde, Aspergillus nidulans, Karriere als Studienobjekt in Genetiklabors gemacht hat. Braus und Fischer betreiben an diesem Schimmelpilz sogar Hirnforschung, indem sie die langgestreckten Pilzfäden als Modell für Nervenzellen mit deren Ausläufern verwenden. Bei diesen Untersuchungen hat man zum Beispiel herausgefunden, daß ein zur Degeneration des kindlichen Gehirns führender Gendefekt (Lisencephalie) mit der Veränderung eines motorischen Proteins einhergeht.

          Wie die umfassenden Sequenzierungen jetzt gezeigt haben, bestehen zwischen den drei Spezies, deren Entwicklungslinien seit schätzungsweise 200 Millionen Jahren getrennt verlaufen, zum Teil erhebliche genetische Unterschiede. Das gilt sogar für sogenannte homologe, also eng verwandte Proteine. Bei rund 3000 solchen Proteinen erwiesen sich die Unterschiede als ähnlich groß wie diejenigen zwischen Mensch und Fischen.

          Überraschenderweise heterosexuell

          Eine besondere Überraschung lieferten Gene, die an der Fortpflanzung beteiligt sind. Prinzipiell können sich Pilze ungeschlechtlich durch Sporen oder geschlechtlich vermehren. Von den drei untersuchten Arten galt bisher aber nur Aspergillus nidulans als fähig, sich sexuell fortzupflanzen. Zellen dieses Pilzes können zugleich „weiblich“ und „männlich“ sein und sich auch selbst befruchten. Jetzt hat man bei den zwei anderen Arten ebenfalls Sex-Gene entdeckt, allerdings jeweils nur entweder das weibliche oder das männliche. Das legt den Schluß nahe, daß es sich um heterosexuelle Organismen handelt, die keineswegs nur auf die ungeschlechtliche Fortpflanzung über Sporen angewiesen sind. Ob der Partner mit dem jeweils benötigten anderen Sex-Gen tatsächlich existiert, müssen nun weitere Untersuchungen zeigen.

          Weitere Themen

          Höllischer Schmerz

          FAZ Plus Artikel: Gürtelrose : Höllischer Schmerz

          Die neue Impfung gegen Gürtelrose zahlen jetzt die Kassen. Gut so, denn wer einmal unter der Infektion litt, wird das so schnell nicht vergessen. Die Infektion ruft heftige Nervenschmerzen bei den Betroffenen hervor.

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.