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„Geburtstag“ : Conwentzioneller Naturschutz

Hugo Conwentz Bild: Archiv

Was Hugo Conwentz um die Jahrhundertwende über die Natur und ihren Schutz dachte und schrieb, ähnelt heutigen Ideen nur in manchem. Der Begründer der Naturdenkmalpflege würde heute 150 Jahre alt.

          Zu seinem 150. Geburtstag soll Hugo Conwentz einen Kranz bekommen. Vertreter verschiedener Naturschutzorganisationen und des Brandenburger Umweltministeriums ziehen heute vormittag zu seinem Grab auf dem Stahnsdorfer Friedhof südwestlich von Berlin, um den 1922 gestorbenen Botaniker als „Wegbereiter des Naturschutzes in Deutschland“ zu ehren.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Weg aber vom Wirken des Danziger Museumsdirektors und Leiters der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen zu dem, was wir heute Naturschutz nennen, ist ein sich häufig verwirrender und immer wieder neu ansetzender Pfad durch die Geschichte. Denn was Conwentz um die Jahrhundertwende über die Natur und ihren Schutz dachte und schrieb, ähnelt heutigen Ideen nur in manchem.

          Erhabenheit und Güte der Natur

          Im wilhelminischen Kaiserreich wollten Naturschützer die Natur vor allem um ihrer selbst und ihrer Schönheit willen pflegen und bewahren. Sie priesen, oft in romantisch-verklärenden Floskeln, die Erhabenheit und Güte der Natur, der sie wie viele Kulturkritiker der Jahrhundertwende die Übel der Zivilisation gegenüberstellten. Der Gedanke einer Verantwortlichkeit des Menschen für die Natur aber und damit zugleich für sein eigenes Wohlergehen, zu der Naturschützer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufriefen, fehlte damals noch weitgehend.

          Daß der Mensch mit Hilfe von Technik, Industrie und Wissenschaft der Natur einst derart gefährlich werden könnte, daß eine kranke Natur auch die Gesundheit des Menschen bedrohen könnte, lag dem Denken der frühen Naturschützer noch fern. Conwentz mag vom „in Deutschland jetzt geübten Kahlschlag“ gesprochen haben; an einen ökologischen Kollaps, wie er seit den siebziger Jahren immer wieder befürchtet wurde, dachte er dabei nicht.

          „Denkwürdigkeiten der freien Natur“

          Ihm ging es vor allem um die „Denkwürdigkeiten der freien Natur“, für die er 1904 eine ähnliche staatliche „Fürsorge“ wie für Kunstdenkmäler forderte. Durch die Pflege der Naturdenkmäler, so glaubte Conwentz, würden auch Heimat- und Vaterlandsliebe „eine nicht gering anzuschlagende lebhafte Förderung und Stärkung erfahren“. Als Staatlicher Kommissar für Naturdenkmalpflege ließ der Botaniker, zunächst von Danzig aus, von 1910 an dann mit Sitz in Berlin, die Naturdenkmäler in den preußischen Provinzen inventarisieren. Andere Naturschützer der Zeit lehnten seinen stark auf Einzelstücke ausgerichteten Naturschutz ab.

          Der Dichter Hermann Löns beschrieb 1913, was er als „conwentzionellen Naturschutz“ ironisierte: gut ausgeschilderte Denkmäler, zu denen Wander- und Gesangsvereine zögen, welche die Luft mit lautem Getöse erfüllten; findige Geschäftsleute, die an naturdenkwürdigen Orten Gastwirtschaften eröffneten und damit das Rotwild vertrieben; Heimatbund-Feste rund um Naturdenkmäler, nach denen die Waldarbeiter tagelang mit dem Auflesen von Stullenpapier, Eierschalen und Flaschenscherben zu tun hätten; und vor allem: Tafeln „von Quadratmetergröße“, auf denen groß und breit das Wort „Staatseigentum“ prange.

          Wissenschaftliche Erforschung

          Tatsächlich ging es Conwentz wohl weniger um die Verstaatlichung und touristische Erschließung von Waldstücken, alten Bäumen und erratischen Felsblöcken als um ihre wissenschaftliche Erforschung. Nach seiner Promotion in Breslau übernahm der 25 Jahre alte Botaniker, der Konfession nach Mennonit, die Leitung des westpreußischen Provinzialmuseums in Danzig. Er hielt Hunderte Vorträge, schrieb Bücher über Pflanzenfossilien und heimische Waldbäume, darunter allein zwölf Texte über die Eibe.

          Conwentz heiratete erst 1919 im Alter von 64 Jahren. Wenig später, im Mai 1922, starb er in Berlin. Sein Grab wurde in den Jahren 1938/39 bei Albert Speers architektonischem Großvorhaben, Berlin in eine nationalsozialistische Prachtstadt zu verwandeln, wie rund 15.000 andere Gräber nach Stahnsdorf umgebettet.

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