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Fukushima in den Medien : Heißer Dampf über unseren Köpfen

Die Wolke auf dem Schirm: Arbeit an der Orientierungshilfe Bild: Foto Florian Manz

Fukushima ist auch ein Fanal für die Kommunikationskultur: Seriöse Informationen gehen im Textgewitter der sozialen Netze unter. Doch die Forscher haben in Twitter & Co längst die Zukunft entdeckt.

          5 Min.

          Licht und Schatten der sozialen Medien. Mit diesem Halbsatz und einer für japanische Verhältnisse gehörigen Portion Wut im Bauch hat der Webdesigner Yasuhisa Hasegawa, ein bekannter Blogger aus Tokio, vor wenigen Tagen einen Eintrag in sein Blog überschrieben. Licht, das war seine Erfahrung unmittelbar nach dem verheerenden Erdbeben und dem Zusammenbruch der Telefonleitungen an der Ostküste, als er das Internet und die sozialen Netze nutzen konnte, mit seinen Freunden und der Familie in Kontakt zu bleiben. Die Schattenseiten aber waren es, die ihn zum Schreiben bewogen. „Fragen wir uns, ob wir wirklich Informationen verbreiten sollen, bevor wir dessen Bedeutung wirklich verstanden haben. Oder ob es vielleicht doch eine mentale Blockade gibt, die uns vergessen lässt, die Fakten zu prüfen, sobald wir die Worte erkennen.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Es geht um Informationen, die mit einem Klick um die Welt geschickt werden. Um Informationen, die wie Fakten daherkommen und Gerüchte transportieren. Die geeignet sind, Panik zu schüren und die Unsicherheit zu verstärken, statt sie abzubauen. „Wir teilen Informationen und unterschätzen doch ihre Macht“, schreibt Hasegawa. Ein Klick, und viele Leute können die Nachricht lesen. „Wir müssen gar nicht mehr schreiben.“

          Gemeint ist natürlich Twitter. Der internetgestützte Kurznachrichtendienst, vor fünf Jahren ins Leben gerufen worden, vernetzt mittlerweile zweihundert Millionen Menschen, jeden Tag kommen ein paar hunderttausend dazu. Jeden Tag sollen schon weit mehr als hundert Millionen Nachrichten mit maximal 140 Anschlägen den Weg zu den Freunden, den „Followern“, suchen. Und selbst wer nur ein paar hundert – ihrerseits vernetzte – Gefolgsleute hat und solche, die seinen Nachrichten folgen, spürt schnell, dass hier ein Kommunikationswerkzeug geschaffen wurde, das eine neue Dimension von Dringlichkeit vorgaukelt und die Beliebigkeit zelebriert.

          Die zweite Flut

          Tatsächlich sind nicht nur die Geschwindigkeit und die enorme Weiterverbreitung geeignet, die doch eher konservative, vorsichtige Meinungsbildung von Wissenschaftlern herauszufordern. Es ist die schiere Masse, die dafür sorgt, dass belastbare Fakten im üblichen Gebrabbel untergehen. Zunehmend freilich auch im gehobenen Wortschwall der Lobbyisten. Während sich das soziale Netz Twitter also auf der einen Seite eignet, möglichst schnell und von jedem Ort der Welt aus quasi als mobile Sende- und Empfangsstelle Informationen wie Internetadressen zu handeln und somit Allianzen zu gründen, die durchaus soziales Gewicht bekommen, ist die Gefahr der massenhaften Desinformation doch unübersehbar. Im Fall der Atomkatastrophe von Fukushima lässt sich das in Echtzeit beobachten, wenn man etwa das Twitternetz mit den Suchbegriffen #Fukushima oder #Kernschmelze durchforstet.

          Selbst wer sich auf einige wenige als seriös identifizierte Nachrichtenlieferanten kapriziert, erliegt, sobald die Krise wieder zu eskalieren droht, schnell der Versuchung, auf vermeintlich schnellere Quellen auszuweichen. Denn klar ist: Die wissenschaftlich fundierte Information ist im Wettbewerb um Geschwindigkeit und Einfachheit den unseriösen Absendern meistens unterlegen.

          Das hindert die Wissenschaftler selbst allerdings keineswegs, die sozialen Netze immer fester ins Herz zu schließen. Mehr noch: Nach dem Motto, viele Köpfe sehen mehr als einer, werden Publikationen jenseits des üblichen Peer-Review-Verfahrens einem informellen Seriositäts- und Mehrwertprüfverfahren unterworfen. Solche offenen Internetbegutachtungen gibt es schon seit den neunziger Jahren etwa mit dem Physik-Archiv asXiv.org. Originalarbeiten, die später offiziell publiziert werden sollen, können im Netz vorab kommentiert und damit letzten Endes verbessert werden. Im Grunde jedoch fährt man damit aber immer noch auf bewährten Schienen. Zunehmend Druck wird allerdings auf den Nebengleisen der neuen sozialen Medien erzeugt. Manche Wissenschaftsblogs oder Facebook-Seiten etwa haben schon auch in Forscherkreisen Kultstatus, weil dort mit offenem Visier und engagiert diskutiert werden darf.

          Kochende Wissenschaftsseelen

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