https://www.faz.net/-gwz-7zws6

Fremdelnde Waldbewohner : Das Wisent durchstreifte einst die Steppe

  • -Aktualisiert am

Wisente sind auch wieder in deutschen Wäldern anzutreffen. Bild: dpa

Das Wisent lebte einst in offenen Landschaften. Erst nach der großen Eiszeit bevölkerten die Tiere die europäischen Wälder. Müssen Schutzkonzepte überdacht werden?

          2 Min.

          Bis zu neunhundert Kilogramm schwer, ist der Wisent (Bison bonasus) das gewichtigste Wildtier in Europas Wäldern. Ursprünglich war er allerdings gar kein Waldbewohner. Dazu wurde er erst, als die eiszeitlichen Steppenlandschaften rasch wachsenden Wäldern weichen mussten. Unter deren dichtem Kronendach fand der Wisent dann eine Art Notquartier. Zu dieser Einschätzung sind deutsche und polnische Wissenschaftler gekommen, als sie fossile Wisentknochen studierten.

          Das Kollagen in den Knochen verriet, woher seine Bausteine stammten. Wo die Tiere einst ihr Futter suchten und was sie mit Vorliebe zu sich nahmen, lässt sich mit Isotopenanalysen herausfinden: In Pflanzen, die am Waldboden wachsen, ist der Anteil des Kohlenstoffisotops mit der Massenzahl 13 besonders gering. Was auf sonnigem Terrain wächst, birgt eine höhere Konzentration dieses Isotops, nicht radioaktiv, aber mit einem Neutron mehr als das gängige Kohlenstoff-12. Das Stickstoffisotop mit der Massenzahl 15 liefert andere Erkenntnisse über den Speiseplan. Gräser zum Beispiel enthalten mehr Stickstoff-15 als Bäume und Sträucher.

          Überlebende der Eiszeit

          Fossile Knochen von Wisenten, die sich vor 12.000 bis 10.000 Jahren in Europa tummelten, sind im Norden von Deutschland und im südlichen Skandinavien entdeckt worden. Da sich die eiszeitlichen Gletscher schon weit zurückgezogen hatten, gedieh dort damals eine üppige Flora. Ein abwechslungsreiches Mosaik aus Tundra und Wald beherbergte die großen Pflanzenfresser, die im Gegensatz zu Mammut und Wollnashorn das Ende des Eiszeitalters überlebt hatten.

          Wisent und Auerochse wussten sich anzupassen an die veränderten Lebensbedingungen in der Nacheiszeit, dem Holozän. Anders als zuvor im Pleistozän entwickelten sie bei der Nahrungssuche nun recht unterschiedliche Vorlieben: Während der Speiseplan der Auerochsen überwiegend aus Gräsern bestand, rupften die Wisente auch viel Laub von Gebüsch oder Bäumen. In dieser Hinsicht glichen sie eher den Elchen, die jedoch mehr in die Waldgebiete vordrangen, schreiben die Forscher um Hervé Bocherens vom Forschungsbereich Paläobiologie der Universität Tübingen und Emilia Hofman-Kamińska von Institut für Säugetierforschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Białowieza in der Online-Zeitschrift „PlosOne“.

          Dass die Wisente im frühen Holozän noch einen Bogen um dichten Wald machten, beweist der Gehalt des Isotops Kohlenstoff-13, den man in den fossilen Knochen gefunden hat. Er ist viel höher als bei Wisenten, die heutzutage in Wäldern leben, etwa im Białowiez.a-Nationalpark. Als das Klima noch wärmer wurde und der Wald sich flächendeckend ausbreitete, musste sich der Wisent damit arrangieren.

          Ausgerottet und wiederangesiedelt

          Die dichten Urwälder boten ihm offenbar ein Refugium; auch dann noch, als der Mensch immer größere Waldflächen rodete und in Felder umwandelte. Erst Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde der Wisent in freier Wildbahn ausgerottet. Zum Glück überlebten jedoch einige dutzend Tiere in Zoologischen Gärten. Von ihnen stammen die Herden ab, die mittlerweile mancherorts wieder frei durch den Wald streifen.

          Wenn es um die Wiederansiedelung des Wisents geht, plädieren die Forscher dafür, geeignete Gebiete künftig nach neuen Kriterien auszuwählen. Ein Lebensraum, der nur aus dichtem, dunklem Wald besteht, ist anscheinend nicht optimal. Selbst wenn er im Sommer reichlich Laub und Gras bietet, kann im Winter die Verpflegung knapp werden.

          Im Urwald des Białowiez.a-Nationalparks zum Beispiel müssen die Wisente dann zusätzlich mit Heu gefüttert werden. Dass der Wisent ursprünglich ohnehin kein Waldbewohner war, spricht für Landschaften, die auch weite Wiesen oder Flussauen einschließen. Dort könnte das imposante Wildrind wohl rund ums Jahr ein passendes Nahrungsangebot finden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Wahl Laschets : Söder hat keine Eile in Sachen Kanzlerkandidatur

          Markus Söder warnt nach dem CDU-Parteitag vor einem „Frühstart“ bei der K-Frage und nennt einen für ihn geeigneten Zeitpunkt. Die Grünen machen klar, dass sie im Wahlkampf die Unterschiede zur Union betonen wollen – trotz Aussichten auf eine Koalition.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.