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Ferngesteuerte Insekten : Wie ich zur Kakerlake wurde

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Fertiges Mischwesen: Die Cyborg-Schabe für jedermann. Bild: Ina Hübener

Auf Kakerlaken reagieren viele Menschen mit Ekel und Schrecken. In der Wissenschaft sind die flinken Krabbeltiere beliebte Forschungsobjekte für die Funktion des Nervensystems. Dürfen auch Laien mit ihnen experimentieren? Ein Selbstversuch.

          Seit einigen Monaten habe ich neue Untermieter: Kakerlaken. Doch sie haben sich nicht hinterrücks bei mir eingenistet. Ich habe sie mir freiwillig gekauft. Sie sind meine Haustiere. Sie fragen sich jetzt sicherlich: Wie kann jemand freiwillig Kakerlaken halten? Das ist doch Ungeziefer und der Inbegriff von Ekel schlechthin. Ich muss gestehen, so habe ich auch immer gedacht. Bis vor einem Jahr.

          Schuld daran ist ein kleines Video, das ich im Internet sehe. Gebannt und ungläubig verfolge ich, wie sich vor meinen Augen eine Schabe in einen Cyborg verwandelt. In wenigen Minuten entsteht so ein Krabbeltier-Technik-Mischwesen, das durch eine schlichte Wischbewegung auf dem Smartphone wie ein Spielzeugauto ferngesteuert werden kann. Lediglich eine Kakerlake, Elektroden, die in die Fühler des Krabbeltiers gesteckt werden, und ein Chip, der über das Smartphone angesteuert wird, seien nötig, verspricht die Stimme im Off. Der Clou: Schon in wenigen Monaten, heißt es, sei das Kit, mit der sich eine gewöhnliche Schabe in ein Mischwesen verwandeln lässt, frei verkäuflich - für jeden! Einen kurzen Moment lang bin ich geschockt. Dann überwältigt mich die Neugier. Für eine angehende Neurowissenschaftlerin ist das eine spannende Möglichkeit, das im Vergleich zum menschlichen Gehirn recht einfache Nervensystem einer Schabe mit nur hundert Millionen Nervenzellen (statt hundert Milliarden wie beim Menschen) zu erforschen. Ich bestelle das Kit „RoboRoach“ noch am gleichen Nachmittag bei Backyard Brains, einem Start-up-Unternehmen aus den Vereinigten Staaten. Es kostet 99 Dollar.

          Ethische Bedenken

          Doch bald machen sich Zweifel breit. Darf ich das überhaupt? Was gibt mir eigentlich das Recht, mich über ein Tier zu stellen, und ist es ethisch erlaubt? Kann ich es überhaupt mit meinen eigenen Moralvorstellungen vereinbaren?

          Ich hole mir Rat bei Jörg Luy. Der Veterinärmediziner und Philosoph leitet das Institut für Tierschutz und Tierverhalten an der FU Berlin. Er antwortet mir prompt auf meine E-Mail. Das grundlegende Problem betreffe die Natur der Schabe, schreibt er. Wissenschaftlich sei noch nicht geklärt, ob es sich bei der Schabe um einen nicht bewusst empfindungsfähigen „Bio-Roboter“ wie eine Pflanze oder um ein bewusst empfindungsfähiges Tier handele, erklärt er: „Wäre sichergestellt, dass es nur ,Bio-Roboter‘ sind, würden die wichtigsten ethischen Bedenken entfallen.“ Da die bewusste Empfindungsfähigkeit einer Schabe jedoch nicht ausgeschlossen sei, verstoße das ganze Verkaufsmodell gegen unsere moralischen Prinzipien. Zur Rechtslage erfahre ich von Luy, dass Deutschland beziehungsweise die EU als Gesetzgeber den Tierschutz nur dann gegen die allgemeine Handlungsfreiheit durchsetzen kann, wenn der wissenschaftliche Nachweis bewusster Empfindungsfähigkeit als erbracht gilt. Für die Schabe gibt es keinen rechtlichen Schutz. Während ich mich ethisch also in einer unbequemen Grauzone bewege, bin ich rechtlich auf der sicheren Seite.

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