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Fauna : Das gottlose Schnabeltier

  • -Aktualisiert am

Paradoxer geht's kaum: das Schnabeltier Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

Als die ersten Europäer den australischen Kontinent betraten, trauten sie kaum ihren Augen. Die obskure Fauna ließ sich kaum mit dem Schöpfungsplan vereinbaren. In einem hatten sie recht: Einen paradoxeren Vierbeiner als das Schnabeltier findet man nirgends.

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          „Wenn wir die verschiedenen Regionen der Erde betrachten, so finden wir, daß die lebhaftesten und nützlichsten Vierbeiner um den Menschen geschart wurden. Es sind die entfernten Einöden der Welt, in welchen wir die hilflosen, deformierten und monströsen Werke der Natur zu suchen haben.“ Diese leicht eurozentrische Sicht auf die Tierwelt Australiens vertraute John Washington Price 1799 seinem Tagebuch an. Price war Schiffsarzt des Seglers „Minerva“, der im Jahr zuvor von Cork aus mit einer Ladung irischer Rebellen in die britische Strafkolonie Neuholland aufgebrochen war. Wie sich das für einen jungen Gelehrten seiner Zeit gehört, beschäftigte sich Price ausgiebig mit der vor Ort angetroffenen Flora und Fauna. Einen gesonderten Eintrag widmete er dem Schnabeltier, „dem seltsamsten und einzigartigsten Tier, das ich je gesehen habe“.

          Im gleichen Jahr erreichte das Tier mit dem Entenschnabel Europa. Australiens Gouverneur John Hunter, ebenfalls ein begeisterter Naturforscher, hatte auf einer seiner Exkursionen beobachtet, wie ein Einheimischer mit seinem Speer „ein kleines, amphibisches Tier nach Art eines Maulwurfs“ erlegt hatte. Den Haarbalg des Tieres, das sich mit Händen, Füßen und Giftspornen an den Hinterbeinen gegen seine wissenschaftliche Entdeckung gewehrt hatte, sandte Hunter an seine Freunde von der Philosophical Society von Newcastle-upon-Tyne. Society-Mitglied Thomas Bewick machte sich umgehend an die Untersuchung des noch namenlosen Tieres, das, so Bewick, „dreierlei Merkmale, jene eines Fisches, eines Vogels und eines Vierbeiners, zu besitzen scheint und mit nichts bisher Bekanntem verwandt ist“.

          Ist es eine Fälschung?

          Diese widersprüchlichen Merkmale warfen Fragen auf. War das Schnabeltier und die auch sonst äußerst ungewöhnliche Fauna Australiens etwa, wie Hunter vermutete, das Ergebnis eines „promiskuitiven Verkehrs der unterschiedlichen Tiergeschlechter“ auf dem von Gott vernachlässigten Kontinent? Oder war das Wesen, das dem britischen Zoologen George Shaw „wie ein Säugetierfell mit angenähtem Entenschnabel“ erschien, nur eine Fälschung? Immerhin waren japanische und chinesische Taxidermisten für ihre garantiert echten Seejungfrauen bekannt, die sie aus dem Kopf eines Affen und dem Körper eines Fisches fabrizierten. Doch auch nach genauer Untersuchung weiterer Exemplare konnte man keine verdächtigen Nähte oder Kleberänder finden - der „paradoxe Vierbeiner“ war zweifelsohne echt und verlangte nach einer Einordnung in den Baum des Lebens, irgendwo zwischen Säugetier, Vogel und Reptil.

          Skelett-Teile aus dem Frankfurter Senckenberg-Museum

          Die zoologische Erstbeschreibung des wundersamen Wesens erfolgte noch 1799 durch Shaw, der ihm den Namen Platypus anatinus oder entenartiger Plattfuß verlieh. Der erste Festlands-Europäer, der im Jahr darauf eines der raren Präparate in die Hände bekam, war der Göttinger Professor Johann Blumenbach. Wie so oft im Zeitalter der Postkutsche hatte er noch nichts von Shaws Publikation gehört und taufte das Tier erneut, diesmal auf den Namen Ornithorhynchus paradoxus, also paradoxer Vogelschnäbler. Wie sich herausstellte, war Shaws älterer und damit eigentlich Priorität genießender Gattungsname bereits anderweitig vergeben (ausgerechnet an eine Gruppe von Käfern), so daß man sich später auf den heute gültigen Kompromißnamen Ornithorhynchus anatinus einigte. Im Englischen heißt das Schnabeltier allerdings noch immer „duckbilled Platypus“.

          Paradox auch im Inneren

          Nun hatte das Viech zwar einen Namen, doch die Rätsel um seine Zugehörigkeit und Biologie waren damit noch lange nicht gelöst. Ganz im Gegenteil: Aufgrund der großen Nachfrage gelangten bald unzählige Schnabeltiere nach Europa, darunter auch komplette in Alkohol eingelegte Exemplare. Ihr Innenleben erwies sich als genauso paradox wie ihr äußeres Erscheinungsbild. So glichen die Fortpflanzungsorgane der Weibchen am ehesten jenen ovoviviparer Eidechsen, deren Junge noch im Körper der Mutter aus ihren Eiern schlüpfen (siehe „Giftige Männchen, immer unter Strom“).

          Neben der Einordnung des Schnabeltiers in Linnés System war unter den Wissenschaftlern des frühen 19. Jahrhunderts vor allem die Art seiner Vermehrung strittig. Wenn es, wie die kaum ausgebildete Gebärmutter nahelegte, nicht nach Säugerart lebende Junge gebar, war es dann ovovivipar oder legte es gar, wie einige Aborigines behaupteten, wie ein Vogel Eier? Und wenn es wirklich zu den Säugetieren gehörte, warum konnte man nirgends am Körper des Weibchens Brustwarzen entdecken? Hinter all diesen Rätseln stand die noch größere Frage, wie sich dieses Mißgeschick der Natur mit der Idee einer harmonischen und perfekten Schöpfung Gottes vereinbaren ließ, in der alle Kreaturen ihren festen Platz einnehmen.

          Für Darwin Beispiel konvergenter Evolution

          Auch Charles Darwin begegnete dem Schnabeltier 1836 während eines Zwischenstopps der „Beagle“ in Sydney, als er abends an einem Bachlauf spazierenging. In seinen späteren Schriften taucht das einer europäischen Bisamratte nicht unähnliche Tier als Beispiel für konvergente Evolution auf. Als lebendes Fossil stellte es seiner Ansicht nach ein Verbindungsglied zwischen Reptilien und Säugern dar. Darwin erkannte aber auch, daß die Ähnlichkeiten des Ornithorhynchus zu einem Vogel nur vordergründig sind: Sein Schnabel ist in Wahrheit ein weiches, knorpeliges Tastorgan, das erst im entwässerten Zustand eines wissenschaftlichen Präparats dem Hornschnabel einer Ente ähnelt.

          Doch auf solche meist schlecht erhaltenen Alkoholleichen und Bälge waren Europas Wissenschaftler weitgehend angewiesen. Australien war fern, Beobachtungen des lebenden Tieres rar, und so zog sich der Streit um die Stellung und Biologie des Schnabeltiers über Jahrzehnte hin. 1824 gab der deutsche Anatom Johann Meckel bekannt, er habe die Milchdrüsen des Schnabeltiers entdeckt. Diese seien von primitivem Bau und öffneten sich direkt in zwei Hauttaschen am Bauch des Weibchens. Es dauerte allerdings weitere zehn Jahre, bis die Existenz von Milchdrüsen und damit die Zugehörigkeit zu den Säugetieren auch von prominenten Gegnern wie dem französischen Zoologen Geoffroy St-Hilaire anerkannt wurde. In einem deutsch-englisch-französischen Papierkrieg wurden Argumente wie die Hinderlichkeit des Schnabels beim Säugen diskutiert, der, wie der britische Anatom Richard Owen herausfand, bei Jungtieren allerdings kaum entwickelt ist.

          Eier erst in der Gebärmutter, dann im Nest

          Noch viel länger benötigte die Antwort auf die Frage nach der Herkunft der kleinen Schnabeltierkinder aus Ei oder Uterus. Sie gelang erst 1884 dem schottischen Embryologen William Caldwell, der mit bis zu 150 einheimischen Helfern am ostaustralischen Burnett River Jagd auf trächtige Schnabeltiere machte. Hunderte von ihnen mußten ihr Leben lassen, bis Caldwell am 24. August endlich ein Weibchen erlegte, dessen erstes Ei bereits im Nest lag, während das zweite noch im Gebärmuttermund steckte. „Monotremes oviparous“ telegrafierte Caldwell an die in Montreal tagende British Society for the Advancement of Science: Schnabeltiere und die verwandten, mit ihnen in der Ordnung der Kloakentiere zusammengefaßten Schnabeligel seien demnach eierlegende Säugetiere. Damit war das größte Rätsel der Schnabeltierforschung gelöst. Doch der entfernteste Säugetier-Cousin des Menschen ist bis heute das obskure Forschungsobjekt von Verhaltensbiologen, Sinnesphysiologen und DNA-Analysten geblieben.

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