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Fauna : Das gottlose Schnabeltier

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Nun hatte das Viech zwar einen Namen, doch die Rätsel um seine Zugehörigkeit und Biologie waren damit noch lange nicht gelöst. Ganz im Gegenteil: Aufgrund der großen Nachfrage gelangten bald unzählige Schnabeltiere nach Europa, darunter auch komplette in Alkohol eingelegte Exemplare. Ihr Innenleben erwies sich als genauso paradox wie ihr äußeres Erscheinungsbild. So glichen die Fortpflanzungsorgane der Weibchen am ehesten jenen ovoviviparer Eidechsen, deren Junge noch im Körper der Mutter aus ihren Eiern schlüpfen (siehe „Giftige Männchen, immer unter Strom“).

Neben der Einordnung des Schnabeltiers in Linnés System war unter den Wissenschaftlern des frühen 19. Jahrhunderts vor allem die Art seiner Vermehrung strittig. Wenn es, wie die kaum ausgebildete Gebärmutter nahelegte, nicht nach Säugerart lebende Junge gebar, war es dann ovovivipar oder legte es gar, wie einige Aborigines behaupteten, wie ein Vogel Eier? Und wenn es wirklich zu den Säugetieren gehörte, warum konnte man nirgends am Körper des Weibchens Brustwarzen entdecken? Hinter all diesen Rätseln stand die noch größere Frage, wie sich dieses Mißgeschick der Natur mit der Idee einer harmonischen und perfekten Schöpfung Gottes vereinbaren ließ, in der alle Kreaturen ihren festen Platz einnehmen.

Für Darwin Beispiel konvergenter Evolution

Auch Charles Darwin begegnete dem Schnabeltier 1836 während eines Zwischenstopps der „Beagle“ in Sydney, als er abends an einem Bachlauf spazierenging. In seinen späteren Schriften taucht das einer europäischen Bisamratte nicht unähnliche Tier als Beispiel für konvergente Evolution auf. Als lebendes Fossil stellte es seiner Ansicht nach ein Verbindungsglied zwischen Reptilien und Säugern dar. Darwin erkannte aber auch, daß die Ähnlichkeiten des Ornithorhynchus zu einem Vogel nur vordergründig sind: Sein Schnabel ist in Wahrheit ein weiches, knorpeliges Tastorgan, das erst im entwässerten Zustand eines wissenschaftlichen Präparats dem Hornschnabel einer Ente ähnelt.

Doch auf solche meist schlecht erhaltenen Alkoholleichen und Bälge waren Europas Wissenschaftler weitgehend angewiesen. Australien war fern, Beobachtungen des lebenden Tieres rar, und so zog sich der Streit um die Stellung und Biologie des Schnabeltiers über Jahrzehnte hin. 1824 gab der deutsche Anatom Johann Meckel bekannt, er habe die Milchdrüsen des Schnabeltiers entdeckt. Diese seien von primitivem Bau und öffneten sich direkt in zwei Hauttaschen am Bauch des Weibchens. Es dauerte allerdings weitere zehn Jahre, bis die Existenz von Milchdrüsen und damit die Zugehörigkeit zu den Säugetieren auch von prominenten Gegnern wie dem französischen Zoologen Geoffroy St-Hilaire anerkannt wurde. In einem deutsch-englisch-französischen Papierkrieg wurden Argumente wie die Hinderlichkeit des Schnabels beim Säugen diskutiert, der, wie der britische Anatom Richard Owen herausfand, bei Jungtieren allerdings kaum entwickelt ist.

Eier erst in der Gebärmutter, dann im Nest

Noch viel länger benötigte die Antwort auf die Frage nach der Herkunft der kleinen Schnabeltierkinder aus Ei oder Uterus. Sie gelang erst 1884 dem schottischen Embryologen William Caldwell, der mit bis zu 150 einheimischen Helfern am ostaustralischen Burnett River Jagd auf trächtige Schnabeltiere machte. Hunderte von ihnen mußten ihr Leben lassen, bis Caldwell am 24. August endlich ein Weibchen erlegte, dessen erstes Ei bereits im Nest lag, während das zweite noch im Gebärmuttermund steckte. „Monotremes oviparous“ telegrafierte Caldwell an die in Montreal tagende British Society for the Advancement of Science: Schnabeltiere und die verwandten, mit ihnen in der Ordnung der Kloakentiere zusammengefaßten Schnabeligel seien demnach eierlegende Säugetiere. Damit war das größte Rätsel der Schnabeltierforschung gelöst. Doch der entfernteste Säugetier-Cousin des Menschen ist bis heute das obskure Forschungsobjekt von Verhaltensbiologen, Sinnesphysiologen und DNA-Analysten geblieben.

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