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Faultiere : Immer hübsch langsam durchs Kronendach

  • -Aktualisiert am

Faultiere zu finden, war für Bryson Voirin nicht leicht: Durch ihr langes graubraunes Fell sind sie gut getarnt Bild: Bryson Voirin/Max Planck Institut für Ornithologie

Faultiere gelten als die trägsten unter den Säugetieren und verdösen angeblich ihr halbes Leben. Ihr ereignisloser Alltag besteht vor allem aus dem Kauen von Blättern - 16 oder 17 Stunden wie im Zoo döst dennoch kein Faultier, das etwas auf sich hält.

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          Wer ein Faultier auf freier Wildbahn erwischen will, muss erst mal ordentlich schleppen. Bryson Voirin hat eine zweieinhalb Meter lange Schleuder dabei, außerdem jede Menge Seile, Karabinerhaken, einen Klettergurt und eine Stange mit einer Schlinge. So ausgerüstet macht sich der Biologe vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee auf in den Regenwald Panamas. Und das alles, um herauszufinden, ob Faultiere ihren Namen verdient haben. Schlafen sie wirklich so viel, wie es immer heißt?

          Voirin hat sein Abitur in Berlin gemacht und sein Studium in Florida absolviert. Seine Doktorarbeit schreibt er jetzt wieder in Deutschland. Betreut wird er von Martin Wikelski. Der aus Bayern stammende Verhaltensforscher ist im Sommer 2008 nach langen Jahren an amerikanischen Universitäten zur Max-Planck-Gesellschaft gekommen, um in Radolfzell eine Abteilung für „Tierwanderungen und Immunökologie“ aufzubauen.

          Im Zoo verdösen Faultiere 16 Stunden am Tag

          „Wir wollen mit Methoden aus dem Labor das Leben in der Natur beobachten“, erklärt Martin Wikelski die Arbeitsweise seiner 75 Mitarbeiter. Man möchte Genaueres über den Zug von Vögeln und Fledermäusen herausfinden, das Leben der Riesenschildkröten auf den Galápagos-Inseln erkunden und nicht zuletzt das Geheimnis des Schlafs ergründen. Was liegt da näher, als Faultiere zu studieren? Immerhin verdösen sie 16 oder 17 Stunden am Tag.

          Ereignisloser Faultie-Alltag: Im Zoo verdösen Faultiere 16 Stunden am Tag
          Ereignisloser Faultie-Alltag: Im Zoo verdösen Faultiere 16 Stunden am Tag : Bild: Bryson Voirin/Max Planck Institut für Ornithologie

          Jedenfalls tun sie das im Zoo. Ob sie auch im Regenwald Lateinamerikas ein Langschläferdasein führen, war bisher völlig unbekannt, weil sich die Tiere in den Baumkronen nur schwer beobachten lassen. Deshalb muss sich Bryson Voirin auch so abschleppen. Aber erst einmal muss er überhaupt ein Faultier finden. Die Tiere sind gut getarnt durch ein langes, graubraunes Fell, dem Algen zusätzlich eine grüne Changierung verleihen. So sind die mit den Gürteltieren und den Ameisenbären verwandten Vertreter der Unterordnung der Folivora vom vierzig Meter tiefer liegenden Waldboden kaum auszumachen. Obwohl auf einer fußballfeld-großen Fläche häufig sogar mehrere Faultiere in den Wipfeln baumeln, kann Bryson Voirin schon mal eine Woche damit verbringen, sie zu suchen.

          Siebzig Meter in die Höhe

          Hat er dann eines entdeckt, muss er zu ihm hoch. Dabei hilft die Schleuder. Mit dem Fuß drückt Voirin die Schlaufe zu Boden und beschwert sie mit einem Gewicht. Dann zieht er die beiden Spanngummis der Schleuder hoch über den Kopf und zielt auf einen Ast in der Nähe des Faultiers. Zieht er den Fuß zurück, schnellt das Gewicht durch den Zug der Gummis sechzig oder siebzig Meter in die Höhe und zieht ein daran befestigtes dünnes Seil mit sich. Wenn es klappt, hängt dieses anschließend zu beiden Seiten des Astes herunter, und Bryson Voirin kann mit seiner Hilfe das schwere Kletterseil emporziehen. Ein paar Minuten später ist er dann zum Faultier hinaufgeklettert.

          Aber nur, wenn das potentielle Studienobjekt auch ruhig sitzen bleibt. Im Normalfall sieht es den Kletterer kommen und flieht. Zwar hangeln die Tiere sich auch dabei eher gemächlich durch die Baumwipfel. Doch die gerade einmal fünf Kilogramm schweren Faultiere können Äste nutzen, die den keineswegs übergewichtigen Forscher bestimmt nicht tragen würden.

          Gemächlich und träge

          An ein Verfolgen hoch durch die Kronen des Regenwaldes ist also nicht zu denken. Deshalb schießt Bryson Voirin meist mehrere Seile zu verschiedenen Ästen in der näheren Umgebung. Nach den ersten Bewegungen des anvisierten Opfers schätzt er dessen weiteren Fluchtweg ab und klettert dann eben dort hoch, wo er ihm am besten in die Quere kommen kann.

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