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Ethik im Tiermedizinstudium : Die Mitwisser

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Viele Dilemmata

Hochschullehrer wie Jörg Luy erleben seit Jahren, wie stark die jüngere Tierärztegeneration sich mit ethischen Fragestellungen im Berufsalltag auseinandersetzt. Nach Vorträgen schildern ihm die Zuhörer oft Dilemmata, in denen sie sich befinden. „Typisch sind beispielsweise Probleme auf dem Schlachthof tätiger Tierärzte, etwa das Wissen darüber, dass einige Schweine nicht ordnungsgemäß betäubt und entblutet werden und noch bei Bewusstsein sind, wenn sie in das heiße Wasser des Brühbads gelangen“, sagt Luy. „Viele unserer Studierenden beginnen das Studium mit der Erwartung, dass sie als Ärzte der Tiere mit moralischen Herausforderungen konfrontiert und dafür auch ausgebildet werden. Sie wollen die Probleme lösen und nicht erklärt bekommen, sie könnten ohnehin nichts ändern.“

An der FU Berlin hat Luy seine Studenten im Fach Tierschutz mit Fallstudien konfrontiert, um die Lösung ethischer Dilemmata aufzuzeigen. Sein Unterrichtskonzept beruhte darauf, den Studenten Rechtsprinzipien wie den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nahezubringen und zu vermitteln, wie im Dilemma auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen sind.

Uns wurde verboten zu schlafen

Dennoch gilt auch für Veterinärmediziner: Ethisches Handeln im Beruf ist nur in Institutionen möglich, in denen auch den Mitarbeitern mit ethischen Grundsätzen begegnet wird. Insbesondere an den Universitäten, die Tierärzte aus- und weiterbilden, scheint das nicht der Fall zu sein. In Leipzig machte der Bundesverband der

Veterinärmedizinstudenten Deutschland (BVVD) öffentlich, dass er eine Arbeitsgruppe „Doktoranden, Hiwis, wissenschaftliche Mitarbeiter und Co.“ gegründet hat. Hintergrund ist die extrem geringe Bezahlung von jungen Tierärzten, die den universitären Klinikbetrieb auf Vollzeitstellen aufrechterhalten, die als „Internship“ und „Residency“ bezeichnet werden und Voraussetzung sind für den Erwerb eines internationalen Spezialistentitels Jahre später, des „Diplomate“. Er ist inzwischen in Deutschland zu einem Schlüsselkriterium für eine Hochschullaufbahn in der klinischen Veterinärmedizin avanciert.

Die Kleintierklinik der LMU München hat beispielsweise aktuell auf ihrer Homepage eine Stellenanzeige für Internships publiziert, der zufolge „Bewerber mit abgeschlossener Doktorarbeit und klinischer Erfahrung“ bevorzugt werden, die täglich von 7.30 Uhr bis nach 19 Uhr eingesetzt werden sollen. Unter dem Punkt „Vergütung“ findet sich die lapidare Angabe: „Die Ausbildung im Internship ist kostenfrei.“ Nachtdienste und Wochenenddienste würden nach TV-L vergütet.

Milchkühe in Thüringen
Milchkühe in Thüringen : Bild: dpa

Was das finanziell bedeutet, erklärte der in einer Thüringer Nutztierpraxis angestellte Tierarzt Mario Beck. Beck erinnerte sich an eine Veranstaltung während seines Studiums in München, in der für das Internship geworben worden war. Eine Hochschullehrerin hatte von Journal Clubs und Case Rounds, vom Proceedings Club und der Intensive Care Unit gesprochen. „Irgendwann meldete sich eine Kommilitonin und fragte: Was verdient man da?“, erinnerte sich Beck, der 2010 Examen gemacht hat. „So dürfen Sie die Frage nicht stellen“, lautete die Antwort zunächst; die Dozentin verwies auf die exzellente Ausbildung durch Journal Clubs und Case Rounds. Schließlich gab es doch eine Antwort: „600 bis 800 Euro“, sagte Beck, der in Leipzig seine Überzeugung schilderte, dass auch die geringen Gehälter in privaten Tierarztpraxen und Tierkliniken hier ihren Ursprung haben, weil die Arbeitsbedingungen an den Universitäten so schlecht sind, dass den jungen Tierärzten später das Selbstbewusstsein fehlt, ein angemessenes Gehalt zu fordern.

„Bisher waren es abendliche Gespräche beim Bier unter jungen Tierärzten, in denen das Problem thematisiert wurde“, sagte Katharina Heilen, bis Dezember Präsidentin des Studentenverbands BVVD. „Aber irgendwann muss man ein Statement setzen.“ In Zukunft könne jeder sich an die Arbeitsgruppe des BVVD wenden, erklärten die Studentenvertreter. Und zwar nicht nur nach dem Examen: Schließlich berichteten auch Studierende, dass sie während ihres praktischen Jahres an Universitätskliniken 36 Stunden am Stück im Dienst waren: „Uns wurde verboten zu schlafen.“ Man wolle nun dazu beitragen, so Heilen, unter jungen Tierärzten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die geringen Gehälter gar nicht erst akzeptiert werden sollten.

Mehr über die Proteste der jungen Tierärzte ist auf FAZ.NET im Blog Tierleben zu finden: www.faz.net/tiermedizin

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