https://www.faz.net/-gwz-7s23r

Küstenschutz : Dann kriegt der Deich eben eine Haube

Dagebuell, Deutschland, Sturmflut an der Nordsee Bild: Caro / Seeberg

Der steigende Meeresspiegel ist für den modernen Küstenschutz eine große Herausforderung. In Schleswig-Holstein wird jetzt der erste Klimadeich gebaut.

          Als die Flut kam, ging alles ganz schnell. Um 10 Uhr abends brach der erste Deich, weitere folgten rasch, bis große Teile der Insel unter Wasser standen. Wer konnte, flüchtete zunächst in die Häuser auf den hochgelegenen Warften, von denen aber viele ebenfalls überflutet wurden oder in Brand gerieten. Die Bilanz am nächsten Morgen: 6123 Tote, 1300 zerstörte Häuser und eine Insel, deren größter Teil in der Nordsee versunken war.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Flut, die am 11. Oktober 1634 über die Westküste des heutigen Schleswig-Holsteins hereinbrach, ging wegen der hohen Opferzahlen als eine „große Manndränke“ in die Geschichte ein. Besonders heftig traf es die Insel Alt-Nordstrand, die ihre Mitte einbüßte und in zwei Teile zerrissen wurde, Pellworm und Nordstrand, gesäumt von ein paar Halligen. Und auch wenn nun wieder von mancher Kanzel über Sünde und Strafgericht gepredigt wurde, war doch klar, dass man es bei der Gewalt der Fluten mit einem irdischen Phänomen zu tun hatte, dem man nicht notwendig hilflos ausgeliefert war. Wollte man siedeln wie bisher, dann musste man etwas tun. Nur was?

          Küstenschutz auf zwei Säulen

          Knapp vierhundert Jahre und viele Fluten später ruht der Küstenschutz auf zwei Säulen: Die eine ist die immer genauere Beobachtung des Wetters und die Vorhersage der damit verbundenen Fluten, damit die Küstenbewohner vom heraufziehenden Unheil nicht mehr überrascht werden. Die zweite Säule ist die fortwährende Verbesserung der Deiche. Beides hat sich bewährt. So entstanden jüngst vergleichsweise geringe Schäden durch die Stürme „Christian“ im Oktober und „Xaver“ im Dezember vergangenen Jahres. Und Xaver wurde immerhin je nach Region als „schwere“ oder, wo er den Wert der mittleren Tide um mehr als 3,50 Meter übertraf, als „sehr schwere Sturmflut“ eingestuft – etwa an der Elbe. Noch 1962 waren dort bei wesentlich niedrigeren Pegelständen zahlreiche Deichbrüche und mehr als dreihundert Todesopfer zu beklagen gewesen.

          Ungefähr 2000 Kilometer ist die Küste Schleswig-Holsteins insgesamt lang. An der Westküste sind etwa 300 Kilometer mit Schutzdeichen versehen, an der Ostküste dagegen nur etwa 60 Kilometer. Das liegt an der vergleichsweise friedlichen Ostsee und an der dort insgesamt eher höher gelegenen Küste – an Steilufern etwa muss man sich nicht groß um Deiche kümmern.

          Grenzwert liegt bei zwei Litern pro Deichmeter und Sekunde

          Wo es dagegen Arbeit gibt, wird durch die Beobachtung der Deiche und das Messen des sogenannten Überlaufs ermittelt: der Wassermenge, die bei Sturmfluten über die Deichkrone ins Binnenland gelangt. „Wenn Deiche versagt haben, dann war vorher der Überlauf zu groß“, sagt Mathias Fiege vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN-SH) in Husum. Denn das führt oft zur Erosion an der Binnenböschung: Die Schicht aus sogenanntem Klei, der aus getrocknetem Schlickboden gewonnen und über dem Sandkern des Deiches angebracht wird, ist dann schadhaft, in der Folge wäscht das überlaufende Wasser den Sand aus, der Deich bröckelt an seiner Krone, und der Überlauf wird größer – ein Teufelskreis, der oft mit dem Bruch des Deiches endet. „Deshalb ist der Überlauf für uns das charakteristische Merkmal, nach dem wir beurteilen, ob ein Deich verstärkt werden muss oder nicht“, sagt Fiege.

          Der Grenzwert liegt bei zwei Litern pro Deichmeter und Sekunde Überlauf. Wo das überschritten wird, muss nachgebessert werden, und zwar nach den Vorgaben des „Generalplans Küstenschutz des Landes Schleswig-Holstein“, der unter dem Eindruck der Flutkatastrophe von 1962 erstellt wurde und seither etwa alle zehn Jahre fortgeschrieben wird. Zurzeit gilt die Fassung von 2012. Demnach müssen an Nord- und Ostsee zahlreiche Deichabschnitte verstärkt werden, unter anderem auf Pellworm, auf Eiderstedt und in Büsum. Schließlich wird der Grenzwert auf insgesamt 93 Deichkilometern überschritten, teilweise um das Zehnfache und mehr des Erlaubten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundesaußenminister Heiko Maas zu Gast bei Anne Will.

          TV-Kritik: Anne Will : Papiertiger und Weltordnung

          Bei Anne Will diskutieren fünf Deutsche, darunter der Außenminister, über unsere weltpolitischen Befindlichkeiten. Die Frage ist nur, welche Relevanz das überhaupt noch hat – zum Beispiel für Beobachter in Peking.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.