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Forschungsreise : Palmwein aus Ganymeds Hand

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Ein seelenvoller Blick ist nicht alles, fand Haeckel

Ceylon wies schon ein komplexes Völkergemisch auf. Neben den buddhistischen Singhalesen und hinduistischen Tamilen als stärksten Bevölkerungsgruppen gab es Indoaraber, Malayen, Chinesen, Schwarze, Engländer, die „Burgers“ genannten Nachkommen von Portugiesen und Holländern sowie die Weddas, die Ureinwohner. Da diese Bevölkerungsgruppen teilweise miteinander lebten und Nachkommen hatten, wiesen sie für Haeckel in „der anthropologischen Classification interessante Schwierigkeiten“ auf. Besonders bei den männlichen älteren Sin¢ghalesen meinte er einen „auffallend weichen und oft weibischen Typus der Körperbildung“ wahrzunehmen, im Gegensatz zu den schlanken und zierlichen Tamilen; an anderer Stelle erwähnt er deren „edlere Gesichtsbildung“, in der er den Grund für „Neid und Haß“ der „arischen“ Singhalesen vermutete. Die Tamilen mochte er nicht zu den „niederen Menschenrassen“ zählen - allerdings nur in ästhetischer Hinsicht. Bei seinen Wanderungen durch die Teeplantagen im Hochland hatte er ausgiebig Gelegenheit, ihre Schönheit zu bewundern. Er stellte sie in ihrer vermeintlichen Natürlichkeit den „verkümmerten Culturmenschen“ gegenüber, die an den Kunstakademien Modell stünden und „in künstlich erzwungenen Stellungen nur ein dürftiges Surrogat liefern“.

Andererseits, so schreibt er geringschätzig, verspreche der „eingeschnittene Mund“ und das „tiefdunkle, seelenvolle Auge“ der Tamilen mehr, „als das Gehirn hält“. Wo er auf seiner Reise ganz Herr sein durfte, bemühte er wiederholt klischeehafte Analogien zu klassisch-griechischen Idealen: Einem seiner vier Diener in Weligama gab er den Namen Sokrates. Und einen Jungen aus einer niedrigen Kaste, der ihm morgens immer die Kokosnüsse öffnete und später Palmwein einschenkte, nannte er Ganymedes - nach dem Knaben, der die olympischen Götter bediente.

Wissenschaftlich war der Ertrag bescheiden

Mit dreißig Kisten begab sich Haeckel im März 1882 auf den Rückweg nach Europa. Auch wenn diese erste Tropenreise (er fuhr 1900 noch auf den Malayischen Archipel) keine bahnbrechenden Ergebnisse für seine Forschungstätigkeit erbrachte, dürfte die Erfahrung Ceylons mit ihrem überbordenden Pflanzenreichtum den formbegeisterten Wissenschaftler und begabten Zeichner ungemein inspiriert haben - bis heute ist sein reich illustriertes, sukzessive ab 1899 erschienenes Werk „Kunstformen der Natur“ einer weiteren Öffentlichkeit bekannt.

Vor allem aber kann man in den „Indischen Reisebriefen“ jenen Haeckel erahnen, der später den Brückenschlag von der Evolutionstheorie zu Rassenlehren und zur Eugenik ermöglichen sollte. In seinem Vortrag über den Ursprung des Menschen auf dem Vierten Internationalen Zoologen-Kongress in Cambridge 1898 erwähnte er die Weddas, „die zwerghaften Urbewohner Ceylons“, die den Menschenaffen seiner Auffassung nach am nahesten stehen. Haeckel behauptete sogar, dass der kulturelle und psychologische Abstand zwischen den entwickelten europäischen Völkern und den „Wilden“ größer sei als derjenige zwischen letzteren und den Menschenaffen. Seine Lehre wurde von den Rassentheoretikern der Nationalsozialisten gern rezipiert.

Literatur:

Die „Indischen Reisebriefe“ von Ernst Haeckel sind antiquarisch erhältlich und online unter folgendem Link zugänglich: https://archive.org/details/indischereisebr00haecgoog.

Ein Nachdruck von „Ernst Haeckels Wanderbilder - Die Naturwunder der Tropenwelt Ceylons und Insulinde“ ist 2012 im Verlag Fines Mundi erschienen.

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