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Einzigartige Auenlandschaft : Sumpfhuhn müsste man sein

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Exakt 50,1 Prozent der zehntausend Hektar Parkfläche wurden zu Totalreservaten erklärt - ein lange Zeit umstrittener Kompromiss zwischen Naturschutz und Landwirtschaft. Bild: Günter Blutke

Vor zwanzig Jahren wurde das Untere Odertal in Brandenburg zum Nationalpark erklärt. Seitdem lässt man einen Teil der Auenlandschaft verwildern. Das geht nicht ohne Verluste ab.

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          An einem Frühlingsabend steht Joachim Sadlik im Schwedter Polder des Nationalparks Unteres Odertal, um wieder einmal den Tüpfelsumpfhühnern zu lauschen. Zu Gesicht bekommt er die drosselgroßen Rallenvögel selten, sie führen ihr Leben weitgehend im Verborgenen. Aber Sadlik, ein erfahrener Ornithologe, kann immerhin 63 verschiedene Rufer unterscheiden, von denen jeder einzelne unmissverständlich mitteilt: Dies ist mein Revier.

          Dem Tüpfelsumpfhuhn scheint der Oder-Nationalpark zunehmend zu gefallen. Im Schwedter Polder wirtschaften kaum noch Bauern, er vernässt immer mehr, was zur Folge hat, dass ein dichterer Bewuchs, neue Tümpel und Schilfstreifen entstehen. Wenn man sich dazu entschließt, solche Flächen frei von allen menschlichen Einflüssen zu halten, verändert sich zwangsläufig das Artenspektrum. Die Tüpfelrallen profitieren davon. Andere Arten verlieren.

          Der Wachtelkönig beispielsweise, der auf Wiesen brütet, die in einem ganz bestimmten Rhythmus gemäht werden müssen, lässt sich an der Unteren Oder immer seltener blicken. Der gelernte Biologielehrer Joachim Sadlik, der das Treiben des streng geschützten Vogels seit vier Jahrzehnten beobachtet, ist darüber nicht einmal besonders traurig. Er sagt, wie es sich für einen aufrechten Verfechter der Nationalparkidee gehört: „Wer einen Nationalpark mit allen seinen Konsequenzen haben will, muss eben mit Verlusten rechnen.“

          Regenwälder Europas

          Deutschlands einziger Auen-Nationalpark, vor zwanzig Jahren gegründet, steht vor einem Zielkonflikt. Der Ausgang lässt sich nicht vorhersagen. Geplant - und gesetzlich auch vorgeschrieben - ist, dass exakt 50,1 Prozent der Fläche nach und nach zur Wildnis werden. Häufig muss man da nachhelfen. Manchmal geht es aber auch von allein. Im harten Winter 2011/12 beispielsweise zerbrach im Criewener Polder ein Sommerdeich unter dem Druck der Eisschollen. Die Wiesen wurden dauerhaft überschwemmt, Weiden begannen zu wachsen. „Initialisierung einer Weichholzaue“ nennen die Fachleute das. Traditionell denkende Landwirte würden das wahrscheinlich anders ausdrücken: Jammerschade um eine Wirtschaftsfläche, die der Natur erst mühsam abgerungen wurde.

          Die Landschaft im Odertal ist lange Zeit durch den Menschen geprägt worden. In den Poldern Criewen, Schwedt und Friedrichsthal ist das weiterhin der Fall. Hier regiert noch immer eine 1931 erlassene Verordnung des Polizeipräsidenten von Stettin, die festlegt, dass insgesamt 4720 Hektar wegen des drohenden Hochwassers im Winter stets geflutet werden müssen. Im darauffolgenden Frühjahr sind die Einlassbauwerke dann wieder zu schließen, das in den Poldern stehende Wasser wird von drei Schöpfwerken abgepumpt. Es ist ein aufwendiges Unterfangen. Bis Kriegsende wurde es von der Genossenschaft der dort wirtschaftenden Bauern bezahlt, in der DDR übernahm der Staat die Rechnung. Jetzt ist das Land Brandenburg zuständig.

          Das Wassermanagement hatte ökologische Folgen. Bei hohem Pegelstand drückt die Oder fünf Monate lang ungehindert in die Auen, überschwemmt die Wiesen, die Büsche, die kargen Auwaldreste und lagert Nährstoffe ab. An den tiefsten Stellen kann das Wasser in manchen Wintern zwei bis drei Meter hoch stehen. Bis in den Sommer hinein sind in den Wiesen mannshohe Schlickmarken an Bäumen zu sehen. Das ist ein Zustand, der bei allem technischen Aufwand immer noch naturnäher ist, als wenn der Fluss vollständig kanalisiert und eingedeicht würde wie ehedem weite Teile des Rheins. Auch dort gab es zuvor ausgedehnte Auenlandschaften. Der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz nannte sie einst die „Regenwälder Europas“. Der Vergleich wird durch den Naturreichtum bestätigt: Fünfhundert der hier vorkommenden Tier- und Pflanzenarten stehen auf den Roten Listen.

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