https://www.faz.net/-gwz-7lp1a

„Dschungelcamp“ : 15 Autominuten bis zur Zivilisation

Im Wald bei Reichelsheim im Odenwald: ähnlich abgelegen wie das australische „Dschungelcamp“ Bild: dpa

Das Wort Dschungel klingt nach Tropen, Urwald und Hitze. Aber was ist das tatsächlich für eine Gegend, in der sich nun wieder C-Prominente zum Affen machen? Alles unecht oder Gefahr pur?

          Tropisch ist sie schon mal nicht, die geographische Lage des sogenannten Dschungelcamps in Ostaustralien. Mit etwa 28 Breitengraden liegt es so weit südlich des Äquators wie die Insel Teneriffa nördlich davon und befindet sich damit außerhalb der Zone zwischen den Wendekreisen bei 23,5° nördlicher und südlicher Breite, die strahlungsklimatisch als Tropen bezeichnet wird.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber auch nach der effektiven Klimaklassifikation, die auf den Geographen Wladimir Peter Köppen (1846 bis 1940) zurückgeht, findet die synthetische Realität der RTL-Show weitab der Tropen statt.  Köppen teilte die Erde in fünf Hauptklimazonen ein, von A (tropisch) bis E (polar). Das Fernsehcamp liegt nun in Zone C (warmgemäßigt), wenn auch in der feuchten Variante mit heißen Sommern. Zu extrem sind die allerdings auch nicht.

          Nur fünfhundert Meter bis zur nächsten Straße

          Die lokale Wetterstation des Australian Bureau of Meteorology verzeichnete seit 1972 zwar einmal bis zu 42,9°C, doch die durchschnittliche Tageshöchsttemperatur im Januar, dem heißesten Monat dort, beträgt zumutbare 29,6°C. Nun gibt es in Australien durchaus tropische Wälder, doch erst sehr viel weiter nördlich in Queensland.

          Und auch diese sind keine Dschungel im engeren Sinn, denn der erfasst in der deutschsprachigen Biogeographie traditionell nur die Wälder der nördlichen Monsumzone Süd- und Südostasiens. Von Dschungel im Sinne eines entlegenen Urwaldgebietes kann aber ebenfalls keine Rede sein. Das von der Produktionsfirma gepachtete Gelände nahe der Grenze zwischen den Bundesstaaten Queensland und New South Wales ist ehemaliges Farmland und liegt gerade mal fünfhundert Meter von der nächsten Straße entfernt.

          Potentielle Paparazzi hätten es nicht weit

          Da klingt es sehr plausibel, dass es schwer bewacht sein soll, um unautorisierte Kameras abzuhalten. Denn potentielle Paparazzi hätten es nicht weit. Nur 15 Autominuten weiter südlich liegt das Städtchen Murwillumbah mit über 8.000 Einwohnern, etlichen Hotels und allen Annehmlichkeiten der Zivilisation, bis zum Internationalen Flughafen von Brisbane sind es weniger als zwei Stunden. Genauso gut hätte man das TV-Theater auch im Odenwald veranstalten können.

          Erst wenn man auf die Abkunft des Wortes „Dschungel“ von dem Sanskrit-Wort „ja.ngala“ blickt, erschließt sich doch ein Zusammenhang mit dem, was in jenem Camp passiert. Nach dem klassischen Sanskrit-Wörterbuch Sir Monier Monier-Williams’ bedeutet es auch „nutzlos“.

          Weitere Themen

          Höllischer Schmerz

          FAZ Plus Artikel: Gürtelrose : Höllischer Schmerz

          Die neue Impfung gegen Gürtelrose zahlen jetzt die Kassen. Gut so, denn wer einmal unter der Infektion litt, wird das so schnell nicht vergessen. Die Infektion ruft heftige Nervenschmerzen bei den Betroffenen hervor.

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Klimaschutz : Vertraut nicht den Verboten!

          Im Kampf um das Klima gibt es viele Einzelideen. Sie versperren den Blick auf das Notwendige: ein sinnvolles Gesamtkonzept. Dafür gilt: Lieber gründlich als überhastet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.