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Rosenduft : Im Rausch der Moleküle

Hobbygärtner wünschen sich duftende Rosen, aber bitte pflegeleicht. Bild: WILDLIFE

So betörend: Zurzeit liegt überall Rosenduft in der Luft. Und was ihn bestimmt, ist nicht nur für Parfümeure von Interesse.

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          Vor dem Hause war der Sandplatz, den ich bei meiner Ankunft schon gesehen und betreten hatte. Meine Fenster gingen also auf der Seite der Rosenwand heraus. Von dem Garten tönte noch schwaches Vogelgezwitscher herüber, und der Duft von den Tausenden der Rosen stieg wie eine Opfergabe zu mir empor.“ So schwärmend, macht uns Adalbert Stifter mit seinem Roman „Der Nachsommer“ Seite für Seite zu sachkundigen Rosenliebhabern, die gar nicht anders können, als zuzustimmen, wenn es in einem Dialog heißt, es sei die schönste aller Blumen und: „Gehen wir über die Schönheit hinaus und sprechen wir von dem Geruche, so dürfte keiner sein, der dem Rosengeruche an Lieblichkeit gleichkömmt.“

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Parfümindustrie genügen heute ein paar wenige Moleküle, um die olfaktorische Illusion einer Rose zu erwecken. Dann formen etwa Citronellol, Indol, 2-Phenylethanol, Damascon und Geraniol, fein abgestimmt, ein Bouquet, das die Natur weitaus komplexer gestaltet. Mehr als 400 verschiedene volatile Komponenten wurden inzwischen entdeckt, und je nach Rosensorte überwiegen eher blumig süße oder fruchtige Nuancen, mal erinnern sie an Zitrus, Myrrhe, Vanille, Tee oder Anis; es sind pfeffrige, würzige und grüne Noten wahrzunehmen. Manche dieser Rosaceae-Gewächse entfalten eine regelrechte betäubende Wirkung – wenn sie denn überhaupt duften. Nicht jede der mehr als 30000 heute existierenden Sorten verströmt tatsächlich ein starkes und klassisches Aroma. Bei den Schnittrosen ging das zum Beispiel verloren, wenn vor allem Langlebigkeit in der Vase gefragt war.

          Wie sich der Duft zusammensetzt und was ihn beeinflusst, ist sowohl für Parfümeure und Züchter als auch für Pflanzenphysiologen interessant. „Wir wollen auf der biochemischen, molekularen und genetischen Ebene verstehen, wie Rosen ihren Duft bilden“, erklärt Mohammed Bendahmane, der sich an der Universität in Lyon der Reproduktion und Entwicklung von Pflanzen widmet. Gemeinsam mit Kollegen an weiteren französischen Forschungseinrichtungen ist es Bendahmane und seinen Mitarbeitern nun gelungen, dem Geheimnis näher zu kommen. Nachdem die Franzosen bereits 2008 die Duftevolution der chinesischen Teerosen und deren Abkömmlinge bestimmen konnten, berichten sie jetzt in „Science“, dass europäische Rosen wieder eigene, überraschende Stoffwechselwege gehen. Ihre Blüten bilden das charakteristische Geraniol auf völlig andere Weise aus einem Vorprodukt als zum Beispiel Basilikum und nehmen eine sogenannte Nudix-Hydrolase zu Hilfe. Ein Enzym, das Bakterien wiederum für die Entgiftung ihrer Zellen nutzen – Rosen ziehen es offenbar für die Produktion des duftenden Monoterpen-Alkohols heran.

          Herausforderung für die Züchter

          Aber wer denkt bei diesem Geruch gleich an Terpene, Benzenoide, Ester? Jeder Mensch stecke unweigerlich seine Nase hinein und schnuppere an der Blüte. Dem Zauber einer Rose könne sich keiner entziehen, davon ist Tim Kordes überzeugt. Der Fünfzigjährige ist Züchter in vierter Generation und gehört zur Geschäftsführung des traditionellen Familienbetriebs in Klein Offenseth-Sparrieshoop bei Pinneberg, Schleswig-Holstein. Der Duft sei bei der Zucht sehr wichtig, allerdings nicht nur: Schön sowieso, dazu duftend – und vor allem pflegeleicht müssten Rosen heute sein. In der heutigen Gesellschaft nehme man sich weniger Zeit und habe weniger Erfahrung mit Gartenarbeit. Darauf reagieren Anbieter wie Kordes und entwickeln resistente Sorten für all die modernen Rosengärtner, die Adalbert Stifters Ausführungen zur Pflege vermutlich wenig abgewinnen können und möglichst anspruchslose Gewächse suchen. Daher wurde bei Kordes eine spezielle Parfuma-Linie entwickelt, deren Sorten sich nicht nur durch ein üppiges Bouquet auszeichnen, sondern durch besondere Robustheit wie zum Beispiel „Madame Anisette“, die mit ihren apricot-cremefarbenen Blüten im Jahr 2014 internationale Preise einheimste.

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