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Massenverluste an Bestäubern : Die Einheit, der Welthandel und der Bienentod

Von Pestiziden geschwächt? Bild: dapd

Das rätselhafte Massensterben von Honigbienen ist weltweit ein Problem. Sind Pestizide schuld? Vieles deutet darauf hin. Jetzt gerät sogar die Weltpolitik unter Verdacht.

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          Das Zoologische Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, eine international hochrenommierte Adresse in der Honigbienenforschung und vor Jahren schon an der Entschlüsselung des Honigbienen-Erbguts beteiligt, hat sich jetzt mit einer bemerkenswerten Studie zum Massensterben der nützlichen Insekten zu Wort gemeldet. Tenor der Mitteilung: „Weltgeschehen beeinflusst Bienenvölker stärker als Pestizide“.  Ein Entlastungsdokument für die Agrarchemie also?

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Seit mindestens zehn Jahren ist das Massensterben ganzer Bienenvölker bekannt und seit ebenjener Zeit versucht man die massenhaften Verluste in den Bienenstöcken zu verstehen. Pestizide, Parasiten, Krankheiten, Klimawandel, Anbaufehler - Verdachte gibt es viele, zuletzt waren es vor allem bestimmte Pflanzenschutzmittel.

          „Sterben die Bienen, sterben auch Menschen“

          Doch nichts von alledem ist offenkundig allein die Ursache für die in manchen Jahren flächendeckenden Bestäubungsverluste in der Landwirtschaft, die noch schwerer abzuschätzen sind als die geschätzten 130 bis 200 Milliarden Euro Wertschöpfung weltweit, die das Bestäuben von Obst- und Gemüsegpflanzen durch Wild- und Zuchtbienen bringt. 80 Prozent der Nutzpflanzen sind auf die Bestäbungsleistung der Tiere angewiesen. Schon deshalb kommen immer wieder Schlagzeilen wie dieser „Welt„-Titel zustande: „Sterben die Bienen, sterben auch die Menschen“

          Honigliebhaber können ihre Leibspeise direkt fördern.
          Honigliebhaber können ihre Leibspeise direkt fördern. : Bild: dpa

          Die beiden Hallenser Biologen Robin Moritz und Silvio Erler haben sich nun mit wissenschaftlicher Akribie und der Bereitschaft, riesige Datenberge zu wälzen, dem Bienensterben rund um die Welt gewidmet, vor allem aber auch den deutschen Bienenverlusten in Ost und West. Genauer: Ihre Recherche galt nicht dem Sterben der Bienen, sondern dem Sterben der Bienenvölker. In den Fokus gerät also der Imker selbst. Die Imkerei, so haben sie in ihrer neuen Arbeit in „Agriculture, Ecosystems & Environment“ festgestellt, hat nach der Wiedervereinigung in den „neuen Bundesländern“ arg Federn lassen müssen. Um 50 Prozent war die Zahl der Bienenvölker eingebrochen.

          Der Grund: Bis 1989 hatte die DDR den Honig teuer aufgekauft und billiger ans Volk weiterverkauft. Der Honig war hoch subventioniert. Damit war bald Schluss. Das hat den Imkern die Lust an der Bienenzucht geraubt. Die ostdeutschen Imker deshalb als Bienenkiller zu bezeichnen käme den beiden Biologen genauso wenig in den Sinn, wie ein „Bienensterben“ zu konstatieren, das auf die Kappe der Intensivlandwirtschaft oder des Pestizideinsatzes geht.

          Nein, das Bienensterben, das seit Jahren allseits beklagt werde, bedarf den Hallenser Forschern zufolge nach Auswertung einschlägiger globaler Bienenvolkszählungen einer dringenden Begriffschärfung: Bienen sterben, aber gestorben wird im Bienenstaat in durchaus „nachhaltigen Sterberaten“. Will heißen: Pestizide, Schadmilben, Klimawandel und Agrarwüsten mögen manches Bienenvolk zwar so schädigen, dass es nicht über den Winter kommt. Aber erfahrene Imker hätten durchaus die Chance, die Vermehrung ihrer Bienen trotzdem zu sichern. Nur: Die wollen offenbar nicht mehr.

          Im Bienenstock
          Im Bienenstock : Bild: ddp

          Die Zahl der Bienenvölker in Europa ist seit 1989 um sieben Millionen gesunken. Weltweit gibt es zwar 60 Prozent mehr Bienenvölker als vor 50 Jahren, der Bestäubungsbedarf auf Feldern und Obstwiesen ist aber um 300 Prozent gestiegen. Die Lücke wird nicht gefüllt. Und warum? Weil der Import von Billighonig vielerorts überhandnimmt und der zu alledem auch noch massenhaft in betrügerischer Absicht als heimisch deklariert wird. Die ostdeutschen Imker haben ihre Bienenvölker also keineswegs im Stich gelassen oder vergiftet. Sie sind wie ihre Tierchen nur die Opfer des „Weltgeschehens“ geworden, des Welthandels und der Weltpolitik. Das entlastet den Westen und die Pestizide. Der Bienenstock ist, wenn man so will, das Kohlebergwerk des Kleintiergärtners.

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