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Norman E. Borlaug : Das stille Jahr des unsichtbaren Helden

Der Vater der grünen Revolutíon, Friedensnobelpreisträger Norman E. Borlaug, Mai 1998 Bild: Micheline Pelletier/Sygma/Corb

Warum kennt niemand Norman E. Borlaug? Er hat Abermillionen Menschen vor dem Hungertod bewahrt, doch das Gedenkjahr 2014 für den Vater der grünen Revolution ist ohne große öffentliche Würdigung zu Ende gegangen. Wir erinnern an den großen Mann.

          Man muss Des Moines nicht gesehen haben, die Hauptstadt des amerikanischen Bundesstaates Iowa. Aber man muss gesehen haben, wie diese Stadt einen der größten Helden des zwanzigsten Jahrhunderts zu feiern weiß, während der Rest der Welt seinen Namen längst vergessen hat: Norman E. Borlaug. Das Capitol auf dem grünen Hügel am Rande der Stadt ist an diesem Tag ein Palast der Erinnerung, getaucht in goldenes Licht. Es ist das Jahr, in dem Borlaug hundert Jahre alt geworden wäre. Nur wenige Menschen haben wie er den Friedensnobelpreis (1970) und zugleich die beiden höchsten amerikanischen Auszeichnungen - die goldene Ehrenmedaille des Kongresses und die Freiheitsmedaille des Präsidenten - erhalten, dazu Dutzende andere nationale und internationale Würdigungen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wohl niemand auf der Welt kann von sich behaupten, mindestens einer Milliarde Menschen das Leben gerettet zu haben - Borlaug wurde genau das nachgesagt, als er vor fünf Jahren in Dallas an Krebs starb. Und dennoch ist das Jahr 2014 verstrichen, ohne dass der Vater der grünen Revolution, ein Pflanzenphysiologe und Farmersohn aus dem Nordosten Iowas, der zu einem der erfolgreichsten Innovatoren gegen Unter- und Mangelernährung in der Menschheitsgeschichte wurde, außerhalb der landwirtschaftlichen Zirkel öffentlich wahrgenommen worden wäre. Sichtbar wurde er nur in Umrissen und für einen kurzen Moment in der Hauptstadt. Seine Tochter enthüllte dort im März eine Bronzestatue.

          Bronzestatue von Norman E. Borlaug wurde am 25. März 2014 im Statuary Hall im Capitol in Washington enthüllt.

          Als die Welternährungsbehörde FAO vor wenigen Wochen einige historische Marken im Kampf gegen den weltweiten Hunger setzte und die geschätzte Zahl der chronisch unterernährten Menschen zwischen den Jahren 2012 und 2014 auf 805 Millionen weltweit taxierte - 209 Millionen weniger als Anfang der neunziger Jahre -, wurden weder Borlaug noch seine Verdienste explizit erwähnt. Norman Borlaug war zeitlebens ein stilles Genie geblieben, Spektakel waren ihm fremd, und er ist ein stiller Held auch im Tod. Nur die Einwohner von Des Moines, so scheint es, waren in diesem Jubiläumsjahr gewillt, dem Wegbereiter der größten Ernährungswende der Neuzeit die ganz große Bühne aufzubauen.

          Produktionsschub dank grüner Revolution

          Doch der „World Food Prize“, der seit der Einführung durch Borlaug im Jahr 1986 regelmäßig in der Hauptstadt Iowas verliehen wird, ist nicht unumstritten. Und darin dürfte einer der Gründe liegen, weshalb die Popularität Borlaugs und der grünen Revolution trotz der beeindruckenden Erfolge auf den Farmen nie so richtig eine Breitenwirkung erzielt hat. Denn die Erfolge wurden mit neuen Hochleistungssorten erreicht, die eine Intensivierung der Landwirtschaft von Mitte des vergangenen Jahrhunderts an zur Folge hatten, und in den vergangenen Jahren wurde Borlaugs Vermächtnis zusehends zu einem Bekenntnis seiner Protagonisten für die Gentechnik. Die grüne Gentechnik jedoch, längst auch in den Vereinigen Staaten als „Frankenfood“ in den Schlagzeilen und in gesellschaftliche Debatten um Kennzeichnungspflichten und den Freihandel verstrickt, wird ihr Imageproblem nicht los.

          Dabei war Borlaug nicht einmal ein ausgesprochen fanatischer Biotechnologie-Anhänger. Jedes Verfahren, das mehr Mäuler zu stopfen versprach, war ihm recht. Borlaug war in seinen humanitären Motiven nicht mehr und nicht weniger als ein überzeugter Modernisierer, kein Fanatiker. Seine Expertise hatte er mit klassischen Kreuzungszuchten von Abertausenden Getreidesorten, insbesondere Weizen, erworben. Und sein Plädoyer für die Nutzung der modernen Biotechniken rührte vor allem aus der Überzeugung, dass neun bis zehn Milliarden Menschen bis zur Mitte dieses Jahrhunderts umweltschonend nur dann ausreichend ernährt werden können, wenn alle pflanzenzüchterischen Möglichkeiten genutzt werden, die Produktivität weiter zu steigen.

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