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Norman E. Borlaug : Das stille Jahr des unsichtbaren Helden

Klimawandel - die neue Herausforderung

Dabei gilt: Um die Genetik der Pflanzen noch schneller an Umweltveränderungen anzupassen als bisher, muss man die Gentechnik möglicherweise gar nicht nutzen, bei den zahlreichen neuen molekularen Marker-Verfahren, die ohne das Einschleusen von Fremdgenen auskommen. Noch immer ist der Weizen auch diejenige der drei großen Getreidesorten (neben Mais und Reis), von der es keine gentechnisch veränderten Linien gibt.

Braun hält es für machbar, mit den zusätzlichen neuen Geninformationen etwa dem Rostpilz schon in zehn Jahren entscheidend zu Leibe zu rücken. In diesem Jahr sei es durch den Einsatz spezieller, auf die jeweiligen Schädlinge maßgeschneiderter Fungizide gelungen, in Äthiopien eine Erntekatastrophe zu verhindern. Zudem rechnet Braun auf der Habenseite das weltweite Netzwerk zur „Präzisions-Phänotypisierung von Weizenkulturen ein, das derzeit aufgebaut wird. Mit ihm will man die Eigenschaften und das Aussehen der einzelnen Sorten noch genauer erfassen und züchterisch nutzen.

Auf der anderen Seite jedoch ist der Weizen, mit dem auch Borlaug die grüne Revolution einleitete, ein Paradebeispiel für die Unwägbarkeiten der Pflanzenzucht. Während die Produktivität anderer Nutzpfanzen mit den verbesserten Verfahren weiter sukzessive steigt, sieht man den Weizen seit einigen Jahren auf einem Plateau angekommen. Zwischen 100 und 300 Millionen Tonnen Ertrag pro Jahr könnten zur Mitte des Jahrhunderts fehlen, so hat Baun auf der Borlaug-Gedenkveranstaltung am Weizenforschungsinstitut Anfang des Jahres vorgerechnet. Was sich entsprechend ungünstig auf die Preise auswirken dürfte.

Eine der größeren Herausforderungen ist da noch gar nicht in vollem Umfang einkalkuliert: Die Klimaerwärmung macht dem Weizen extrem zu schaffen. Jedes zusätzliche Grad verringert die Weizenproduktion im Schnitt um sechs Prozent. Das haben jedenfalls Ertrags- und Wachstumsmodelle ergeben, über die kürzlich Frank Ewert von der Universität Bonn zusammen mit einer internationalen Forschergruppe in der Zeitschrift „Nature Climate Change“ berichtete.

Die Modelle wurden mit den Daten von Zuchtexperimenten und Erfahrungswerten des Weizenforschungsinstituts in Mexiko abgeglichen. Nicht Dürren oder Nährstoffmangel, sondern allein die zusätzliche Wärme bewirkt demnach die Ertragseinbußen - 42 Millionen Tonnen derzeit pro ein Grad Erwärmung. Von der Temperaturanfälligkeit wusste Borlaug durchaus schon vor einem halben Jahrhundert, er hat die Wirkung allzu warmer Tage in der Wachstumsperiode auf zahlreichen Testfeldern dokumentiert. Was er damals nicht ahnte: wie schnell sich die Verhältnisse global zu Ungunsten des Weizens verändern würden. „Tragt sie auf die Farmen“ sollen Borlaugs letzte Worte zur grünen Revolution gewesen sein. Die Reaktionszeiten, die die Pflanzenzucht mit dem Klimawandel braucht, um die Umwälzungen rechtzeitig auf die Felder zu bringen, stellen die Pflanzenzucht noch mal vor ganz neue Aufgaben.

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