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Norman E. Borlaug : Das stille Jahr des unsichtbaren Helden

Mangelernährung durch versteckten Hunger

Für Borlaug und seine Nachfolger gilt: Bis zum Jahr 2050 müssen die Erträge an Getreide um mindestens siebzig Prozent gesteigert werden. Seit Beginn der grünen Revolution, als Borlaug die ersten Weizensorten entwickelte, die gegen den Getreiderostpilz resistent waren und so kurze Triebe hatten, dass sie auch bei größeren Kornerträgen nicht umknickten, ist die Produktivität der Landwirtschaft auf das Dreifache gestiegen. In Indien und Pakistan waren wie in anderen Teilen Südostasiens in den sechziger Jahren mit den Hochleistungssorten die Hungersnöte innerhalb kürzester Zeit minimiert worden.

Doch Norman Borlaug ahnte schon früh, dass die grüne Revolution nur ein Zeitgewinn war. „Die Produktivitätssteigerung bei Weizen, Reis und Mais in Asien eröffnet uns die Chance, zwanzig oder dreißig Jahre zu kaufen“, sagte er im Jahre 1969. Die „Evergreen Revolution“, die einer seiner engsten Vertrauten damals, der „Vater der indischen grünen Revolution“, M. S. Swaminathan, ebenso beschwört wie der diesjährige World-Food-Preisträger Sanjaya Rajaram, ist alles andere als ein Selbstläufer. Gefahren gibt es zahlreiche: Die enorme Volatilität auf den Lebensmittelmärkten, das Wetten der Händler auf Ertragsverläufe, belastet die Preise. Und die hohen Preise machen zuallererst den armen Ländern zu schaffen.

Norman E. Borlaug, Mai 1998

Die FAO hat dieses Jahr zwar triumphiert, der Kampf zur Ausrottung des Hungers „gewinnt an Momentum“. Das Jahr der „UN-Millenniumsziele“ 2015 beginnt demnach mit der Erfolgsmeldung, dass dreizehn weitere Entwicklungs- und Schwellenländer das Ziel, den Anteil an Hungernden zu halbieren, erreicht haben: Brasilien, Kamerun, Äthiopien, Gabun, Gambia, Iran, Kiribati, Malaysia, Mauretanien, Mauritius, Mexiko, Uruguay und die Philippinen. Die Liste ist damit auf 63 gewachsen. Aber immer noch ist jeder neunte Mensch auf der Welt unterernährt. M. S. Swaminathan hat auf der Verleihung des World-Food-Preises zudem deutlich gemacht, dass es ein immer noch extrem stark verbreitetes Ernährungsproblem gibt: die Mangelernährung - „versteckter Hunger“. In Afrika sollen vierzig Prozent der Kinder heute so schlecht mit Nährstoffen und notwendigen Vitaminen versorgt sein, dass sie deutlich schlechtere Chancen in ihrer Entwicklung und Schulausbildung haben.

Der verborgene Schatz der Wildsorten

Können jene Wissenschaftler, die Norman Borlaugs Erbe angetreten haben, dazu beitragen, die Situation zu entspannen? Hans-Joachim Braun ist da skeptisch und optimistisch zugleich. Der deutsche Pflanzenforscher, der als Direktor des globalen Weizenforschungsprogramms am International Maize and Wheat Improvement Center (CIMMYT) in Mexiko einer von Borlaugs direkten Nachfolgern in der Getreideforschung ist, schwärmt von dem enormen Wissens- und Erfahrungszuwachs: Seit 1964 hat man demnach schon mehr als 70.000 Weizen-Genotypen an mehr als 57.000 unterschiedlichen Orten der Welt getestet, die Zahl der züchterischen „Datenpunkte“ und Beobachtungen habe sich auf fast 28 Millionen erweitert.

Auch die in den Weizensammlungen gelagerten und für die Zucht bisher noch nicht genutzten Wildsorten macht ihm Hoffnung, es sind Tausende Varietäten. Das eine oder andere nützliche Gen, das eine Resistenz gegen Schädlinge oder Erreger verleiht oder sonstwie erstragssteigernd wirkt, dürfte darunter noch zu finden sein. In diesem Jahr hat das Internationale Weizen-Genom-Sequenzierungskonsortium zudem in der Zeitschrift „Science“ einen auch für die Züchtung nicht unwichtigen ersten Entwurf der Basensequenz des riesigen, rund 17 Milliarden Bausteine umfassenden Weizenerbguts publiziert.

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