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Radioaktivität nach Atomkatastrophe : Die lauten Vögel von Fukushima

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Das Dorf Futuba, unmittelbar in der Nähe der Reaktoranlage gelegen, wurde evakuiert. Tiere und Pflanzen müssen mit der Radioaktivität allein fertig werden. Bild: TOMAS MUNITA/The New York Times/

Drei Jahre nach der Reaktorhavarie in Japan sind dort noch ganze Landstriche verlassen. Nun gibt es erste Daten über die ökologischen Folgen des Desasters.

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          Wenn Timothy Mousseau jetzt durch den Wald im Osten Japans streift, vernimmt er lautes Vogelgezwitscher. Mit der Natur scheint auf den ersten Blick alles in bester Ordnung hier, rund dreißig Kilometer von den geborstenen Meilern des Kernkraftwerks Fukushima-Daiichi entfernt. Dabei war dieses Gelände nach der multiplen Havarie am 11. März 2011 weit mehr als dem Hundertfachen an radioaktivem Material ausgesetzt, das einst auf Hiroshima niederging. Drei Jahre später ist die Strahlenbelastung deutlich zurückgegangen. Doch ist das Desaster für die Natur ohne gravierende Folgen geblieben?

          Mousseau ist Biologe an der University of South Carolina in Columbia und untersucht, wie sich erhöhte radioaktive Strahlung ökologisch auswirkt. Gemeinsam mit Anders Pape Møller von der Universität Paris-Sud hat er seit 1999 die Folgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl erforscht. Seit der Havarie des japanischen Kernkraftwerks sind die beiden Wissenschaftler auch im Raum Fukushima unterwegs. Sie konzentrieren sich dabei auf Vögel und Insekten und wollen herausfinden, wie sich deren Populationen in einem bestimmten kontaminierten Gebiet entwickeln; Säugetiere wären schwieriger zu fangen und zu zählen.

          Den Atomhüllen werden Elektronen entrissen

          Nach dem Reaktorunfall zählten die Ökologen weniger Vögel, Schmetterlinge und Zikaden, während die Anzahl der Hummeln, Libellen und Grashüpfer offenbar stabil blieb. Ausgerechnet die Ordnung der Spinnen erhielt Zuwachs. Møller und Mousseau vermuten, dass mit den Vögeln nun wichtige Feinde der Spinnentiere fehlen. Allerdings beobachteten sie in Tschernobyl das Gegenteil: Hier nahm die Zahl der Achtbeiner ab. Nur warum?

          Das könnte mehrere Ursachen haben. Zum einen wurden an den beiden Orten unterschiedliche Mengen und Arten von Radionukliden freigesetzt. Die dominierenden Radionuklide in Fukushima sind Cäsium-134 und Cäsium-137, während die Natur bei Tschernobyl außer mit Cäsium auch mit radioaktiven Isotopen der Elemente Strontium, Plutonium und Americium belastet ist. Zum anderen unterscheiden sich Kurz- und Langzeitfolgen.

          Radioaktive Strahlung vermag durch ihre hohe Energie Materie zu ionisieren, das heißt, den Atomhüllen Elektronen zu entreißen. Zurück bleiben oftmals sogenannte freie Radikale. Das sind Moleküle, deren nunmehr unvollständige Elektronenhüllen besonders reaktionsfreudig sind und dazu neigen, Reaktionsketten zu starten. Da freie Radikale auch durch andere Umwelteinflüsse entstehen können, verfügen Lebewesen zum Schutz davor über sogenannte Antioxidantien. Ist der Ansturm jedoch zu groß, geraten die Zellen unter oxidativen Stress, der etwa zu Krebs führen kann.

          Singvögel passen sich an die Strahlung an

          Selbst wenn Lebewesen nur für kurze Zeit einer erhöhten radioaktiven Dosis ausgesetzt sind, kann es zu oxidativem Stress kommen. Halten sie sich länger in kontaminierten Gebieten auf, häufen sich auch Veränderungen im Erbgut, die mit jeder Generation weiter zunehmen können. In Tschernobyl sind solche Mutationen inzwischen von großer Bedeutung. In Fukushima lässt sich dieser Effekt noch kaum nachweisen.

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