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Comeback des Rebhuhns? : Die Rückkehr der Frühlingsboten

  • -Aktualisiert am

Ihr Lebensraum schwindet und damit ihr Bestand: Seit 2009 gibt es 40 Prozent weniger Rebhühner. Bild: Eckhard Gottschalk Georg-August-Universität Abteilung Naturschutzbiologie

Moderner Ackerbau hat die Rebhühner vertrieben und an den Rand des Aussterbens gebracht. Der Vogelschutz hat reagiert und gekämpft. Gelingt die Rettung doch noch?

          Das Rebhuhn lässt am meisten von sich hören, wenn der Winter zu Ende geht. Vor allem die Männchen rufen dann in der Dämmerung eifrig und werben so um die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts - vorausgesetzt, es gibt überhaupt noch Rebhühner auf den Feldern. Ursprünglich in Steppengebieten heimisch, waren sie bis Mitte des 20. Jahrhunderts auch in Mitteleuropa häufig. Doch inzwischen ist das Rebhuhn dort ein rarer Vogel geworden: Nach Einschätzung des European Bird Census Council ist die Population seit 1980 um 94 Prozent geschrumpft. In Deutschland, wo das Rebhuhn schon seit 1982 auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten steht, ist es mancherorts bereits ausgestorben. In Hessen zum Beispiel wird die Zahl der Brutpaare derzeit auf weniger als tausend geschätzt, in ganz Deutschland auf knapp fünfzigtausend. Auch wo Rebhühner längst nicht mehr bejagt werden, verschwinden sie aus der Feldflur. Anscheinend leiden sie noch mehr als Lerchen und Wachteln darunter, wie sich die Agrarlandschaft verändert.

          Blühende Streifen als neuer  Lebensraum

          Was aber könnte man tun, um dem Rebhuhn wieder auf die Sprünge zu helfen? Ein Projekt, das diese Frage beantworten soll, begann 2005 im Landkreis Göttingen (www.rebhuhnschutzprojekt.de). Gemeinsam mit dem Zentrum für Naturschutz der Universität Göttingen versucht seitdem ein lokaler Naturschutzverein, die Biologische Schutzgemeinschaft Göttingen, die Lebensbedingungen für das Rebhuhn zu verbessern. Dabei setzen Biologen um Eckhard Gottschalk und Werner Beeke auf bunt blühende Ackerstreifen, die den Rebhühnern zusätzliche Nahrung und Unterschlupf bieten. Die beteiligten Landwirte stellten zeitweilig bis zu 540 Hektar bereit, um auf ihren Feldern solche Blühstreifen anzulegen. Dass sich die untersuchte Rebhuhnpopulation immerhin stabilisiert hat, lässt sich als Erfolg verbuchen. Denn in ganz Niedersachsen hat sie gleichzeitig um die Hälfte abgenommen.

          Rebhuhn mit Küken

          Wie im gesamten Land sind auch im Göttinger Raum die Felder zunehmend größer geworden und die Feldraine spärlicher. Die Küken des Rebhuhns leiden außerdem darunter, dass sich auf Äckern kaum noch Insekten tummeln. Um wachsen zu können, brauchen sie solch eiweißreiche Kost. Doch auf den meisten Feldern haben sie keine Chance, sich eine Tagesration zusammenzusuchen. Um die Verpflegung der Rebhühner aufzubessern, greifen die Naturschützer auf das Instrumentarium der Agrarpolitik zurück. Das Niedersächsische Agrar- und Umweltprogramm bietet beispielsweise die Möglichkeit, auf bis zu 25 Meter breiten Ackerstreifen eine bunte Pflanzenmischung wachsen zu lassen, etwa mit Senf, Phacelia, Erbsen und Sonnenblumen. Auf solchen Blühstreifen, die frei von Pestiziden bleiben, finden sich viermal so viel Insekten wie auf dem angrenzenden Acker. Weil die Landwirte dort aber nichts Verwertbares ernten können, erhalten sie einen finanziellen Ausgleich.

          Mit Sonden auf Spurensuche

          Die Göttinger Rebhuhnforscher begnügen sich allerdings nicht mit diesem Standardprogramm. Um den Rebhühnern auch im Winter noch Schutz und Nahrung zu geben, dürfen ihre Blühstreifen erst im Frühjahr umgepflügt werden - und jeweils nur zur Hälfte. Wo das Gestrüpp vom Vorjahr stehen bleibt, können sich die Vögel weiterhin verstecken und einen Nistplatz finden. Die daneben frischeingesäten Streifen trocknen nach einem Regenguss schneller und lassen mehr Sonne bis zum Boden dringen, was vor allem den wärmebedürftigen Küken zugutekommt. Damit sich die Blühstreifen nach Wunsch entwickeln, wurde eine spezielle Saatgutmischung aus mehr als zwanzig verschiedenartigen Kultur- und Wildpflanzen zusammengestellt. Margerite und Wegwarte zum Beispiel sollen auch im zweiten Sommer noch blühen und Insekten anlocken.

          Als Lebensraum taugen solche Streifen am besten, wenn sie mehr als zehn Meter breit sind. Das ergaben Beobachtungen an Rebhühnern, die mit kleinen Sendern ausgerüstet waren und sich mit einer passenden Antenne regelmäßig orten ließen. Will man wilden Rebhühnern einen Sender umhängen, muss man sie jedoch erst einmal einfangen. Dazu benutzten die Biologen zahme Lockvögel. Von 2009 bis 2013 gingen ihnen mit diesem Trick 139 paarungsfreudige Rebhühner in die Falle. , bisweilen aber auch Tiere, die minder friedliche Absichten hegten: mal eine Hauskatze, mal ein Habicht und mal sogar ein Uhu. Alle wurden sofort wieder freigelassen und blieben ebenso unversehrt wie das zahme Rebhuhn, das gut geschützt vor hungrigen Angreifern in einen Käfig saß.

          Hinterlassenschaften gefräßiger Räuber

          Wie gefährlich wilde Rebhühner leben, zeigen die Vögel, denen die Forscher mit Telemetrie zeitlebens auf der Spur waren. Bei den meisten funktionierte der Sender über den Tod hinaus. Wenn er länger als zwölf Stunden an einer Stelle lag, weil sich sein Träger nicht mehr rührte, veränderte sich sein Signal. Dann ließen sich häufig noch Überreste des toten Rebhuhns finden. Fast immer verrieten sie, ob der Übeltäter einen Pelz trug oder ein Federkleid: Wenn Greifvögel ihre Beute rupfen, bleiben die Federn ganz; Säugetiere beißen dagegen die Federkiele ab. Nur selten waren die Spuren aber so vielsagend, dass der Angreifer genauer identifiziert werden konnte. In den meisten Fällen entpuppte er sich dann als Fuchs.

          Die Mehrzahl der tot aufgefundenen Rebhühner war eindeutig durch ein Säugetier ums Leben gekommen, von den Weibchen, die während der Brutzeit starben, sogar achtzig Prozent. Dass die Hennen erst in letzter Sekunde ihr Gelege im Stich lassen und zu flüchten versuchen, wird ihnen offenbar zum Verhängnis: Jede Zweite wurde während der Brutzeit gefressen. Allerdings hingen die Überlebenschancen davon ab, wo das Rebhuhnweibchen sein Nest gebaut hatte. Auf mehr als zehn Meter breiten Blühstreifen oder Brachflächen waren sie doppelt so groß wie auf schmaleren Streifen und Wegrainen. Vermutlich spazieren Füchse und andere Fressfeinde mit Vorliebe dort entlang, wo sich in der Feldflur am ehesten Mäuse finden - und manchmal eben auch ein Vogelnest.

          Beim Baden im Staub

          Die vielgeschmähten Rabenvögel wurden dagegen nie dabei ertappt, dass sie sich an Rebhühnern vergreifen. Zwar beobachteten die Göttinger Biologen immer wieder, dass Elstern oder Rabenkrähen einem Rebhuhnnest verdächtig nahe kamen. Doch der Hahn erwies sich stets als getreuer Wächter, stürzte sich tapfer auf die Störenfriede und schlug sie in die Flucht. Gegen wehrhaftere Angreifer wie Habicht oder Fuchs kann er das Nest aber nicht verteidigen und nimmt verständlicherweise Reißaus.

          Erst wenn die Rebhuhnküken geschlüpft sind, übernimmt der Hahn die gleichen Elternpflichten wie die Henne. Beide führen den Nachwuchs zu ergiebigen Futterstellen und nehmen frierende Küken unter ihre Fittiche, um sie zu wärmen. Bis die Jungen erwachsen sind, bleibt die Familie dann zusammen. Im Herbst sieht man Rebhühner deshalb meist in kleinen oder größeren Gruppen umherstreifen. Nun bietet auch die sonst unwirtliche Feldflur günstige Lebensbedingungen. Wo schon der Raps sprießt, der im nächsten Jahr blühen soll, oder zwischendurch Senf eingesät wurde, können sich Rebhühner nicht nur gut verstecken. Sie finden auch reichlich Nahrung, denn in dieser Jahreszeit nehmen sie mit vegetarischer Kost vorlieb.

          Schnatternd in den Frühling

          Wie viele Rebhühner den Winter überstehen, hängt hauptsächlich vom Wetter ab. Auf tiefverschneiten Feldern haben sie nicht nur Mühe, an Futter heranzukommen. Vor einem schneeweißen Hintergrund sind sie auch weithin sichtbar und damit eine leichte Beute. Aus diesem Grund erlitt das Göttinger Rebhuhnschutzprojekt zunächst einen Rückschlag. Nachdem die untersuchte Population auf fast dreihundert Brutpaare angewachsen war, folgten zwei Winter mit außergewöhnlich viel Schnee. Das bekam den Rebhühnern derart schlecht, dass die Zahl der Brutpaare auf kaum mehr als hundert sank. Schon im darauffolgenden Jahr stieg sie allerdings wieder auf etwa das Doppelte.

          Unter günstigen Umständen vermehren sich Rebhühner schnell, denn eine Henne kann bis zu zwanzig Eier gleichzeitig ausbrüten. Im Landkreis Göttingen liegen meist 16 oder 17 Eier im Nest. Große Familien sind deshalb nicht selten. Erst wenn im Februar oder März die Paarungszeit beginnt, lösen sie sich auf. Hähne und Hennen streifen nun einzeln umher, auf der Suche nach einem Partner. Sich laut rufend zur Schau zu stellen ist freilich gefährlich. Paarungswillige Rebhühner ziehen dabei auch unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich. Deshalb tun sie gut daran, nur in der Dämmerung aktiv zu werden, wenn die meisten Greifvögel noch nicht munter geworden sind oder sich schon zum Schlafen zurückgezogen haben.

          Vorbild für andere Regionen

          Die Göttinger Forscher zieht es dann hinaus in die Felder. Wenn sie dort die typischen Rebhuhnrufe ertönen lassen, können sie aus der Antwort der wilden Rebhühner heraushören, wie viele in der Nähe sind. Außerdem zählen auch die Jäger jeweils die Rebhühner in ihrem Jagdrevier. So lässt sich die Population im Landkreis Göttingen recht genau abschätzen. Selbst westlich der Leine, wo die Rebhühner schon als ausgestorben galten, wurden mittlerweile einige gesichtet. Anscheinend beginnen sie, verlorengegangenes Terrain abermals zu besiedeln.

          Bleibt zu hoffen, dass nicht nur der südlichste Zipfel von Niedersachsen wieder wohnlicher wird für Rebhühner. Schließlich fördern viele Bundesländer bereits in der einen oder anderen Form Blühstreifen, die etwas Abwechslung in die Agrarlandschaft bringen. Ohne großen Aufwand sollte es möglich sein, die einschlägigen Programme so umzugestalten, wie es die Erfahrungen im Landkreis Göttingen nahelegen. Davon könnten wohl nicht nur die Rebhühner profitieren. Auf ihren speziellen Blühstreifen beobachteten die Göttinger Biologen auch andere rar gewordene Vogelarten, beispielsweise Feldlerche und Wachtel, Hänfling und Feldsperling.

          Darüber hinaus bieten die Blühstreifen einen reich gedeckten Tisch für Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten - was wiederum den Vögeln auf den Feldern zugute kommt.

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