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Brutparasitismus : Geboren, um zu betrügen

  • -Aktualisiert am

Dieser Sumpfrohrsänger ist voll drauf reingefallen. Bild: action press

Ruft er seinen Namen aus dem Wald, freut sich der Mensch. Weniger Grund zum Jubeln hat die übrige Vogelwelt. Denn die darf sich um die Kinder des Kuckucks kümmern. Bei diesem Knochenjob spielt niemand freiwillig mit.

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          Geheimhaltung, Geduld und gutes Timing sind alles. Schon seit Stunden liegt das Kuckucksweibchen auf der Lauer und beobachtet aus seinem Versteck heraus das Nest eines Teichrohrsänger-Pärchens. Seit seiner Ankunft aus Afrika Anfang Mai hat der taubengroße Vogel das gesamte Revier überwacht, in dem etliche der kleinen Rohrspatzen nisten. So weiß der Kuckuck, dass sich in diesem speziellen Nest bereits Eier befinden. Als die frischgebackenen Eltern kurz ihr Gelege verlassen, ist die Chance da: Blitzschnell segelt das Weibchen heran, schnappt sich eines der Eier und ersetzt es durch eines der ihren. Das dauert nur wenige Sekunden, dann verschwindet es wieder im Unterholz. Das geklaute Ei wird verspeist, die Energie wird benötigt, schließlich plaziert so ein Kuckuck pro Saison bis zu zwei Dutzend eigene Eier in fremde Nester.

          Aus denen schlüpft nach nur zwölf Tagen Brutzeit der junge Kuckuck, und die erste Amtshandlung des noch völlig nackten und blinden Kükens ist es, die verbliebenen Eier im Nest auf seine Schultern zu wuchten und in einem wahren Kraftakt über den Nestrand zu befördern. Ganz ungefährlich ist das nicht, es kommt vor, dass bei dieser Aktion auch der Jungkuckuck selbst über Bord geht. Doch wenn alles glückt, bietet die Einkindfamilie ideale Bedingungen für den blitzschnell heranwachsenden Schmarotzer, dem die ahnungslosen Rohrsänger unermüdlich Insekten und Spinnen in den Rachen stopfen. Nach gerade mal drei Wochen bringt der nun flügge Jungkuckuck ein Vielfaches des Gewichts seiner Zieheltern auf die Waage und verlässt das inzwischen viel zu klein gewordene Nest. Er lässt sich noch eine Weile durchfüttern, bevor er, allein vom Trieb gesteuert, seinen bereits Anfang Juli in Richtung Afrika abgereisten leiblichen Eltern folgt.

          Warum machen die anderen Vögel da mit?

          Dass der Kuckuck das Brüten anderen Vögeln überlässt, ist seit dem Altertum bekannt. Ebenso lange zerbrechen sich Gelehrte den Kopf über die Hintergründe dieses höchst seltsamen und zumindest unter europäischen Vögeln einzigartigen Verhaltens. Fehlt dem Tier die sonst bei Vögeln so ausgeprägte Elternliebe? Oder hindert ihn ein überdimensionierter Magen daran, selbst zu brüten, wie der französische Anatom François Hérissant 1752 vermutete?

          Auch das Verhalten der Pflegeeltern warf Fragen auf. Nahmen sie das Kuckucksjunge aus reiner Nächstenliebe als das ihre an? Oder sahen sie das propere Küken gar als besseren Ersatz für die eigene mickrige Brut, wie Johann Matthäus Bechstein 1791 vermutete? Zu bewundern sei es, so der für damalige Verhältnisse äußerst vogelkundige Gelehrte, mit welchem Vergnügen die Wirtsvögel die Kuckucksmutter empfingen. „Das kleine Zaunkönigsmütterchen etwa macht ihr sogleich Platz und hüpft und spielt um sie herum. Es macht durch sein frohes Locken, dass das Männchen auch herbey kommt und Theil an der Ehre und Freude nimmt, die ihnen dieser große Vogel macht.“

          Mit dieser Deutung des aufgeregten Verhaltens der Zaunkönige lag Bechstein natürlich völlig daneben. Es war einmal mehr Charles Darwin, der auf die evolutionären Vorteile für den Parasiten in Form einer höheren Zahl von Nachkommen hinwies.

          Evolutionäres Wettrüsten

          Dass sich diese Form des aviären Parasitismus nicht ungehindert ausgebreitet hat, liegt an den ebenso evolutionär bedingten Gegenmaßnahmen, mit denen die Wirte gekontert haben. Zu diesen gehört beispielsweise das sogenannte Hassen, mit dem viele Vögel auf den Anblick von potentiellen Eierdieben reagieren. Auch für den Kuckuck haben viele seiner Opfer solch ein angeborenes Abwehrprogramm entwickelt. „Die Sichtung eines Kuckucks am Nest erhöht stark die Wahrscheinlichkeit, dass sie das fremde Ei aus dem Nest werfen. Deshalb ist das Kuckucksweibchen auch so vorsichtig, sich nicht blicken zu lassen“, sagt Nick Davies, Professor für Verhaltensökologie an der Universität im englischen Cambridge. Seit drei Jahrzehnten erforscht Davies das komplexe Verhältnis zwischen dem Brutparasiten und seinen rund zwanzig verschiedenen Wirten. Die Ergebnisse hat er nun in seinem auf Englisch erschienenen Buch „Cuckoo: Cheating by Nature“ zusammengefasst.

          Wie oft kommt der Kuckuck mit seinem Betrug durch? Und warum gehen ihm seine Wirte scheinbar so leicht auf den Leim?

          Um diese Fragen zu beantworten, verwandelten sich Davies und seine Mitarbeiter für eine heute zu den Klassikern der Verhaltensbiologie zählenden Studie aus dem Jahr 1988 selbst in Kuckucke. In Wicken Fen, einem großen Riedgebiet außerhalb von Cambridge, schoben sie Teichrohrsängern systematisch Eiattrappen unter. Mehrfach mussten sie dabei Polizisten erklären, dass sie mitten im Naturschutzgebiet keineswegs Eier aus Nestern stahlen, sondern im Gegenteil welche hinzufügten. Es zeigte sich, dass die Vögel durchaus einen kritischen Blick für ihre eigenen Eier haben. Schon kleine Abweichungen in der Größe, Farbe und Sprenkelung der Schale führten dazu, dass die Eier aus dem Nest befördert wurden.

          „Tatsächlich erkennen Teichrohrsänger in etwa zwanzig Prozent der Fälle, dass ihnen ein Kuckucksei untergeschoben wurde und entfernen es“, sagt Davies. „Die Sprenkel auf dem Ei sind wie eine Unterschrift. Der Wirt sagt damit ,Dies ist mein Ei!‘ Und der Kuckuck lernt im Laufe der Evolution, auf dem seinem zu schreiben: ,Und dieses auch!‘“

          Manche Vögel lernen einfach nie dazu

          Weil die Eier der rund zwanzig insektenfressenden Singvogelarten, deren Nester regelmäßig von Cuculus canorus heimgesucht werden, sich stark voneinander unterscheiden, entwickelten sich ebenso viele Kuckucksrassen, die ihre entsprechenden Anpassungen in der Eiproduktion offenbar in weiblicher Linie weitergeben. Der Kuckuck und seine Wirte wurden so zu einem faszinierenden Beispiel für ein evolutionäres Wettrüsten. Mancher Vogel zog dabei allerdings notorisch den Kürzeren. „Die Heckenbraunelle zum Beispiel akzeptiert auch ein braun gesprenkeltes und deutlich zu großes Kuckucksei zwischen ihren einfarbig hellblauen Eiern. Sie ist sozusagen der Vollidiot unter den Kuckuckswirten“, sagt Davies.

          Das meint der passionierte Vogelliebhaber natürlich nicht persönlich. Vielmehr sei es wahrscheinlich, dass die Braunelle eine relativ neue Ergänzung im Katalog der Kuckuckswirte sei. Am anderen Ende des Spektrums stehen offenbar Arten wie Rohrammer oder Buchfink. Sie werden, soweit man weiß, gar nicht erst vom Kuckuck besucht, obwohl sie vom Nahrungsspektrum und Nistplatz her bestens geeignet wären.

          „Womöglich haben diese Arten das Wettrüsten durch eine besonders präzise Eisignatur und deren Erkennung für sich entschieden“, vermutet Davies. Sie warfen selbst die besten Eiattrappen, die ihnen die Forscher unterschoben, schnurstracks über Bord. Höhlenbrüter dagegen, die in ihrem engen Versteck kaum einen Besuch des taubengroßen Kuckucks befürchten müssen, ließen sich so ziemlich jedes fremde Ei unterjubeln.

          Ist das Küken geschlüpft, haben die Pflegeeltern keine Wahl

          So kritisch manche Vögel fremde Eier mustern, so unkritisch verhalten sich die meisten Wirtseltern, wenn das monströse Riesenbaby erst in ihrem Nest den Schnabel aufreißt. „Das ist eines der großen Rätsel der Kuckucksforschung“, meint der Zoologe Tomas Grim von der Palacký-Universität im tschechischen Olomouc (Olmütz). „Vermutlich hat es sich im Laufe der Evolution eher ausgezahlt, gleich zu Beginn das Ei zu entlarven. Wenn diese erste Abwehrlinie aber durchbrochen ist, fehlt eine weitere Strategie, fremde Küken zu erkennen.“

          Die wenigen Beispiele einer effizienten Kükendiskrimination kennt man von jenen Arten, die sich mit der frühen Eierkennung schwertun. Eines davon liefert der australische Prachtstaffelschwanz. 2012 zeigten Forscher der Flinders-University in Adelaide, dass seine Jungen noch im Ei von der Mutter eine Art individuelles Passwort vorgesungen bekommen, dass später in ihren Bettelrufen auftaucht. Küken, die sich nicht damit ausweisen können, werden nicht gefüttert und verhungern.

          Doch auch in solchen Fällen lernt der Kuckuck dazu. Tomas Grim nennt ein Beispiel: „Kuckuckskücken, die bei Rohrsängern aufwachsen, betteln anders als jene, die in einem Nest der Heckenbraunelle hocken. Und wenn man beide experimentell vertauscht, passen sie ihren Ruf schnell dem neuen Wirt an.“

          Wie kann das sein, wenn sie doch vorher alle Geschwister entsorgt haben, von denen sie den rechten Gesang hätten ablauschen können? Wahrscheinlich probieren Kuckucksküken ein ganzes angeborenes Repertoire von Bettelrufen aus und lernen umgehend, welches davon am meisten Futter einbringt.

          Angepasst - und trotzdem auf Rückzug

          Mit seinen Bettelrufen gleicht der junge Kuckuck noch ein anderes selbstgemachtes Problem aus: Mit nur einem Küken im Nest lässt der Fleiß der Eltern bei der Futtersuche normalerweise stark nach. Der Kuckuck spornt sie aber weiterhin zu Höchstleistungen an, indem er seine Piepfrequenz vervielfacht und so akustisch ein volles Nest simuliert. Noch weiter geht der asiatische Fluchtkuckuck, der mit einer nackten, gelb gefärbten Stelle auf der Flügelunterseite den weit geöffneten Schnabel eines weiteren Kükens simuliert und so seine Pflegeeltern bei der Nahrungssuche auf Trab bringt.

          Trotz dieser erstaunlichen Anpassungsfähigkeit scheint zumindest der europäische Kuckuck auf dem Rückzug zu sein. In England sind die Bestände in den vergangenen Jahrzehnten um die Hälfte eingebrochen. Auch in Deutschland verzeichnen Naturschützer zumindest regional deutliche Rückgänge. Die Gründe dafür sind umstritten, Nick Davies hält den Rückgang an Schmetterlingsraupen, einem der Grundnahrungsmittel der erwachsenen Tiere, für den wichtigsten Faktor. Andere machen den Klimawandel verantwortlich. Aber an einem liegt es bestimmt nicht: am fehlenden Erfindungsreichtum, wenn es darum geht, seine Opfer hinters Licht zu führen.

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