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Biotechnologie : Wer zaubert Biosprit aus dem grünen Topf?

Kraftstoff aus dem Bioreaktor: Aber dazu müsste die Effizienz noch gesteigert werden Bild: Copyright AlgaeLink NV

Algen sind noch lange kein grünes Gold. Im Casting der Energiepolitik sind sie dennoch Topfavorit. Nun müssen die Forscher bremsen und zugleich schwärmen, soll ihr Traum weiterleben.

          Wenn es um die „Zukunft der Energie“ geht, so der Titel des Wissenschaftsjahres 2010, gestattet sich das Bundesforschungsministerium neben vielen Ideen eine bemerkenswerte Utopie: Mikroalgen als grüne Massenenergiespender. Als „Themenbotschafterin“ – eine von vier Energiebotschaftern – stellt sich Carola Griehl vor, Leiterin des Innovationslabors Algenbiotechnologie an der Hochschule Anhalt. Ihr Sinnspruch für das Ehrenamt: „Früher wollten wir mit Flowerpower die Welt verändern. Jetzt nehme ich einfach Algen.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Rhetorisch werden bei dem Thema schon lange große Brötchen gebacken: „Mikroalgen – die Energiequelle der Zukunft“ lautet eine der bekanntesten Überschriften auf den Energieseiten des Forschungsministeriums. Und wirbt damit unverdrossen für seinen „Bundes-Algen-Stammtisch“, in dem die energetische Nutzung von Algenbiomasse als eines der großen Ziele deutscher Politik und Energieunternehmen vorangetrieben werden soll. Doch wer wie kürzlich die Dechema, eine vorwiegend von Praktikern unterhaltene gemeinnützige wissenschaftlich-technische Gesellschaft in Frankfurt am Main, nach dem Realitätsgehalt solcher Sprüche fragt, findet sich plötzlich vor einer gewaltigen Blase, hinter der die Konturen der versprochenen Energiezukunft allenfalls vage zu erkennen sind.

          Starker Tobak

          „Es macht wirklich keinen Sinn, mit biotechnologischen Wundern hausieren zu gehen.“ Rainer Buchholz von der Universität Erlangen-Nürnberg fasste mit diesem Satz die Debatte im Haus der Dechema zusammen, die kurz zuvor durch Ulrich Steiner von Bayer Technology Services angestoßen worden war. Steiner hatte die Algenbiotechnologie als eine „Brutstätte für Scharlatanerie“ zu entlarven versucht. Mit „behaupteten Produktivitäten“ und geschönten Energiebilanzen würden „Algen-Perpetuum-Mobiles versprochen, die Energie aus dem Nichts erzeugen können“.

          Das Komprimieren von Gasen, das Pumpen, Heizen, Kühlen, Konzentrieren, Trocknen, Extrahieren, Konvertieren – mit einem Wort, die vielen energieaufwendigen Prozesse, die bei der Umwandlung von Sonnenlicht in Energie aus Algenbiomasse nötig sind, macht nach den Berechnungen Steiners schon die Mindestanforderung zunichte: Die Forderung nämlich, dass wenigstens wieder so viel Energie gewonnen wird, wie für deren Gewinnung eingesetzt werden muss. Steiners Fazit: Die beste Energieausbeute könne durch das Verbrennen der Plastikreaktoren „noch vor dem Beginn der Experimente“ erzielt werden.

          Das war starker Tobak für eine Branche, die sich beim Blick über den Atlantik gerne Herzen wärmt: Exxon unterstützt Genompionier Venter mit 600 Millionen Dollar , damit der die effizientesten Energielieferanten aus den Mikroalgenreaktoren zaubert. In der jüngsten „Biosprit“-Liste rangieren unter den Top zehn vier Algenfirmen mit zusammen 150 Millionen Dollar Anschubfinanzierung des amerikanischen Energieministeriums. Die Investitionen allein von 2007 bis 2008 sollen sich vervierfacht haben.

          Algen in der Röhre

          Wie viel Mittel in Deutschland in die Technik fließen, weiß keiner. „Man kann sich nicht beschweren“, meint Ute Ackermann vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die einige Zeit den Bundes-Algen-Stammtisch organisiert hat. Otto Pulz vom Institut für Getreideverarbeitung (IGV) in Potsdam spricht von geschätzten zwei Millionen Euro Staatsgeldern, und was das Industrieengagement angeht, gibt es vor allem Geheimniskrämerei.

          Wer freilich an die Algen glaubt, lässt sich darin kaum erschüttern. In dem Gutachten der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften zur „Biotechnologischen Energieumwandlung“ schreibt Pulz: „Wenn ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt werden, sind die Voraussetzungen gut, dass die Produktion von Biodiesel aus Mikroalgen in Mitteleuropa in den nächsten zwei bis drei Jahren auch in größerem Maßstab unter ökonomisch sinnvollen Bedingungen technisch verwirklicht werden kann.“

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