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Biodiversität : Unkraut vergeht besser nicht

  • -Aktualisiert am

Asexuell geht's auch: Eine Wiese mi Löwenzahn im Hochschwarzwald Bild: APN

Artenvielfalt ist ein hoher Wert. Aber hat sie auch einen ökologischen Sinn? Welche Folgen hat die Artenzusammensetzung eines Ökosystems auf dessen Funktionieren? Hängt es von der Artenzahl ab oder von der Vielfalt? Eine Wiese bei Jena soll helfen, die Fragen zu beantworten.

          Jena. Da rackern sich fünf professionelle Gärtner und an die hundert Hilfskräfte den halben April hindurch beim Unkrautjäten ab, und dann das: alles voller Löwenzahn. Löwenzahn, Wiesenplatterbse, Spitzwegerich und Hopfenluzerne, um exakt zu sein. Doch genau das soll auf der 20 mal 20 Meter messenden Parzelle in der Saaleaue bei Jena auch wachsen - und sonst nichts. Auf dem nächsten Planquadrat sieht es ähnlich aus. Ihn teilen sich Glatthafer, Spitzwegerich, Wiesenkerbel und Feldklee, alle anderen Arten müssen draußen bleiben. In diesem Fall auch der Löwenzahn mit seinen langen Pfahlwurzeln, der wie alle Unkräuter (ein relativer Begriff, wie sich hier zeigt) in reiner Handarbeit gejätet wird.

          Mit gärtnerischen Kontrollwahn hat das große Jenaer Jäten nichts zu tun. Wir befinden uns vielmehr inmitten eines ökologischen Labors, eines vier Hektar großen Stücks Grünland, auf dem sich seit acht Jahren Wissenschaftler aus ganz Europa tummeln. Auf 90 großen (20×20 Meter) und 390 kleineren (3,5×3,5 Meter) Parzellen wurden damals aus einem Repertoire von 60 typischen Bewohnern mitteleuropäischer Fettwiesen jeweils Kombinationen von zwei, vier, acht und sechzehn Arten angesät. Auf einer einzigen Parzelle dürfen alle 60 Spezies gleichzeitig gedeihen - aber auch keine einzige mehr. Damit das so bleibt, rupft zweimal im Jahr eine Hundertschaft studentischer Hiwis alles heraus, was nicht ins Planquadrat gehört.

          Wozu der immense Aufwand, der im Jahr an die 300 000 Euro verschlingt? Es geht um die Frage, wozu die vielbeschworene Biodiversität überhaupt gut ist.

          Artenreiche Wiesen

          Lange hat man sich in der Forschung auf die Treiber hinter der biologischen Vielfalt konzentriert, etwas das Nährstoffangebot. Beim Jena-Experiment geht es umgekehrt um deren Konsequenzen: "Welche Folgen hat die Artenzusammensetzung eines Ökosystems auf dessen Funktionieren als Ganzes, etwa auf dessen Produktivität? Hängt es von der Artenzahl ab oder eher von der Vielfalt verschiedener Vegetationstypen? Und inwieweit sind einzelne Arten austauschbar und damit vielleicht entbehrlich?" So fasst Wolfgang Weisser, Professor für Ökologie an der Universität Jena, die Fragestellung des weltweit einzigartigen Forschungsprojektes zusammen.

          Dass es solche Zusammenhänge gibt, beschrieb schon der scheinbar allwissende Charles Darwin. 1853 berichtete er von dem Phänomen, dass artenreiche Wiesen eine größere Heuernte liefern als solche mit nur "zwei oder drei Spezies". Diesen Effekt schrieb Darwin den unterschiedlichen Stärken und Schwächen einzelner Arten zu, vorhandene Ressourcen auszunützen - ein Ökologe von heute würde von einer größeren Zahl besetzter ökologischer Nischen sprechen, die zu einer größeren Gesamteffizienz des Systems führt.

          In Jena geht es darum, diesen Effekt, der auch für die Landwirtschaft von Belang ist, besser zu verstehen. Denn von welchen Faktoren die Koexistenz konkurrierender Arten um Licht, Wasser und Nährstoffe abhängt und ob allein die Artenzahl oder eher deren Zugehörigkeit zu bestimmten funktionellen Gruppen (Gräser, Kräuter, stickstofffixierende Leguminosen) für die beobachteten Effekte verantwortlich ist, bleibt nämlich auch im 21. Jahrhundert eines der umstrittensten Fragen der Systemökologie. Eingeweihte sprechen dabei von der Tilman-Grime-Debatte, nach zwei Koryphäen der Disziplin, die sich seit Jahrzehnten in den Haaren liegen. Dem Laien sind die Details der Debatte nur schwer zu vermitteln. Es geht um die Rollen von Nährstoffaufnahme, Fraßdruck und Stresstoleranz für das Nebeneinander verschiedener Pflanzenarten und die Frage, ob sich die positiven Effekte hoher Diversität nicht in Wirklichkeit mit dem Wirken weniger dominanter Schlüsselarten erklären lässt.

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