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Biodiversität & Ökonomie : Was kostet die Welt?

  • -Aktualisiert am

Brasilianischer Regenwald: Doch nicht in den ziemlich armen Böden wimmelt das Leben, sondern oben in den Baumkronen. Bild: ZB

Vor zwanzig Jahren prägte Edward O. Wilson den Begriff der Biodiversität. Heute ist sie in aller Munde, doch in Wahrheit weiß niemand recht, wie sie eigentlich zu fassen ist und wie viel wir sie uns kosten lassen sollten.

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          Zu den Büchern, die nur noch antiquarisch gehandelt werden, gehört der Bildband "Rettet die Vögel". Ende der siebziger Jahre war er ein Bestseller. Als Koautor fungierte neben dem Ornithologen Gerhard Thielcke der Biokybernetiker Frederic Vester. Und der bestand damals schon auf einem Untertitel: "Wir brauchen sie". Die Frage "Warum?" war noch nicht üblich.

          Vester stellte sie trotzdem. Warum brauchen wir, beispielsweise, das Blaukehlchen? Am Materialwert kann es nicht liegen, den kalkulierte Vester kühl mit drei Pfennnig. Aber als er die Leistungen des Vogels als Schädlingsbekämpfer, Samenverbreiter und Indikator für Umweltbelastungen in Rechnung stellte, sah die Sache anders aus. Zehn Pfennig, entsprechend dem Gegenwert einer Valium-Tablette, gab er noch drauf für den Wert des Kehlchens als "Ohrenschmaus und Augenweide". Resultat: 301,38 Deutsche Mark für den kleinen Schmätzer, der in ganz Europa vorkommt, aber nicht leicht zu beobachten ist.

          Drei Jahrzehnte später stellt sich die Frage in anderem Maßstab: Was kostet die Welt? Also sämtliche Lebensräume aller Kontinente und Ozeane auf einen Schlag? Noch ehe das "Jahr der Biodiversität" vorbei ist, soll eine Studie vorliegen, die von den wichtigsten Industrienationen und Schwellenländern in Auftrag gegeben wurde. "The Economics of Ecology and Biodiversity" soll für den Naturschutz das bringen, was der sogenannte Stern-Report für den Klimaschutz bewirkt hat: Eine In-Wert-Setzung aller Ökosysteme samt einer Bezifferung der Folgen, die es hätte, wenn der Mensch nicht schleunigst ihre Bewahrung in Angriff nähme. Was dabei herauskommt, lässt sich absehen: "Naturschutz ist Big Business", sagt der Studienleiter Pavan Sukhdev, Physiker und Ökonom und bei der Deutschen Bank zuständig für globale Märkte.

          Krötentunnels und anderes

          Wie groß könnte der Kuchen sein, der da zu verteilen ist? Robert Costanza, Direktor des Institute for Ecological Economics an der University of Vermont, hat den angeblichen Jahresertrag des globalen Bioreichtums einmal mit 32 Billionen Dollar beziffert. Das wäre immerhin das Doppelte der weltweiten Wirtschaftsleistung. Methodisch ist an dieser Schätzung viel ausgesetzt worden, doch die grobe Richtung hat Costanza damit vorgegeben.

          In Wahrheit können weder Wissenschaftler noch Politiker, weder Ökologen noch Ökonomen bisher drei grundlegende Fragen beantworten. Was ist Biodiversität? Was haben wir davon? Und was kostet uns das?

          Fangen wir mit der letzten Frage an. Dass einer intakten Umwelt inzwischen auch ein materieller Wert zugestanden wird, ist erst einmal Balsam auf die Seelen der Ökofreunde, die lange genug als notorische Feinde des wirtschaftlichen Fortschritts galten. Wo immer ein Neubaugebiet ausgewiesen, eine Autobahn geplant, ein Kraftwerk errichtet oder ein Fluss ausgebaggert wurde, waren sie zur Stelle und präsentierten irgendeinen Lurch, einen Feldhamster oder eine seltene Grille. Zäh wurde über Ausgleichsmaßnahmen verhandelt; Krötentunnel und ähnliche Sperenzchen wurden zu lästigen Begleiterscheinungen einer Umweltmarotte, gegen das jederzeit das Arbeitsplatzargument ins Feld geführt werden konnte. Und nun soll auf einmal alles anders sein? Die Natur als Arbeitgeber und Kapitalfaktor, vergleichbar mit Automobilbau oder Computerbranche?

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