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Biodiversität & Ökonomie : Was kostet die Welt?

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Die „Tragik der Allemende“

Als Wappentier schlechthin gilt im deutschen Forst das Auerhuhn. Für dessen Zukunft sieht es eher düster aus. „Total unflexibel und anpassungsunfähig“, sagt Ulrich Hampicke, „das bleibt nur, wenn man ihm den roten Teppich ausrollt.“ Damit ein Auerhuhn sich wohl fühlt, muss der Wald nadelholzreich, aber gleichzeitig licht sein, voller Heidelbeeren, ausgestattet mit ausreichend großen Balzplätzen und umgeben von insektenreichem Offenland für die Küken. Im Schwarzwald müht man sich in Modellprojekten, doch der Erfolg ist nicht abzusehen: „Das wirft die Frage auf, ob man die Art außerhalb der Alpen überhaupt erhalten soll“, sagt Ulrich Hampicke.

So viel zum Wald der gemäßigten Breiten. Der größere biologische Reichtum findet sich hierzulande eher da, wo der Mensch im Laufe der Jahrhunderte Kulturlandschaften geschaffen hat. Das können gemähte Flächen auf unterschiedlich kargen Böden sein, extensiv genutzte Schaf- und Rinderweiden, traditionell bewirtschaftete Weinberge, teilweise entwässerte Niedermoore, Streuobstwiesen, Wachholderheiden, Almen, Steinbrüche, Bahndämme, Hecken und Mauern, Acker- und Waldränder, Bauerngärten, Tümpel und Teiche. Selbst degradiertes Ödland wie aufgegebene Bahnhöfe und ehemalige Truppenübungsplätze bietet einen hohen Artenreichtum, verglichen mit den Monokulturen der modernen Landwirtschaft.

Denn das ist das Problem: Die größte Biodiversität in der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Natur hat vermutlich vor zweihundert Jahren geherrscht, kurz vor Beginn der industriellen Revolution. Seitdem sind in weltweitem Maßstab nur noch Flächen geopfert worden, kaum welche hinzugekommen. Wenn jetzt die letzten unberührten Gebiete wie Amazonien zum „Naturerbe der Menschheit“ erklärt werden, dann äußert sich darin nichts anderes als die seit Aristoteles beschriebene „Tragik der Allmende“. Öffentliche Güter, die von allen genutzt werden, werden schnell bis an den Rand ihrer Existenz ausgebeutet und darüber hinaus. „Wenn ich es nicht tue, dann die anderen“, lautet das Argument, mit dem sich Fischer, Jäger, oder Holzfäller schon immer gerechtfertigt haben.

Nachhaltigkeit durch lokale Selbstorganisation?

Traditionell gilt der Niedergang einer frei verfügbaren, aber begrenzten und damit bald übernutzten Ressource als unabwendbar. Jeder zieht seinen kurzfristigen Nutzen aus dem Raubbau, niemand denkt an die langfristigen Folgen. Doch im vergangenen Jahr ging der Wirtschaftsnobelpreis an eine Umweltökonomin, die eine andere Auffassung vertritt.

Elinor Ostrom von der Indiana University in Bloomington hat etliche Wirtschaftsformen wie gemeinsam betriebene Almen oder Bewässerungssysteme untersucht und festgestellt, dass sich sehr wohl lokale Formen einer Selbstorganisation bilden können, die ein Stück Land oder eine andere Nahrungsquelle im Sinne des Allmendegedankens nachhaltig nutzen. Es müssen nur klare Regeln gefunden werden, Verstöße dagegen bestraft und Fremde von der Teilnahme ausgeschlossen sein.

Wäs wäre die Alternative? Man könnte besonders schützenswerte „Hotspots“ der Biodiversität privatisieren oder verstaatlichen. Man könnte sie auch in den Rang unschätzbarer Kunstwerke erheben. Milliardäre könnten bedrohte Landstriche aufkaufen, wie es bereits in Patagonien oder in Südafrika geschieht. Dann allerdings müsste man sie auch ähnlich scharf bewachen wie die Mona Lisa oder die Goldreserven von Fort Knox.

Kaum vorstellbar, dass das funktioniert. Und deshalb muss so oder ein Weg gefunden werden, biologischen Reichtum zu teilen, ohne ihn zu verschleudern.

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