https://www.faz.net/-gwz-zix8

Biodiversität & Ökonomie : Was kostet die Welt?

  • -Aktualisiert am

Kaum ein Hektar Boden, der nicht unter die Axt oder den Pflug geriet: Bis ins 18. Jahrhundert wurden Deutschlands Wälder derart dezimiert, dass von rentabler Forstwirtschaft kaum noch die Rede sein konnte. Erst der Forstmeister Georg Ludwig Hartig formulierte um 1800 in seiner „Anweisung zur Taxation der Forsten“ ein Umdenken: „Es lässt sich keine dauerhafte Forstwirtschaft denken, wenn die Holzabgabe aus den Wäldern nicht auf Nachhaltigkeit berechnet ist. Jede weise Forstdirektion muss daher die Waldungen des Staates so benutzen, dass die Nachkommenschaft wenigstens ebenso viel Vorteil daraus ziehen kann als die jetzt lebende Generation.“ Hartig wurde zum Vorbild für Generationen von Förstern. Ein Drittel Deutschlands ist heute wieder mit Wald bedeckt. Nachhaltig bewirtschaftet wird er seit langem. Das heißt: Es wachsen mindestens so viele Bäume nach, wie geschlagen werden - aktuell sogar mehr. Aber ist das schon Biodiversität?

Erst einmal ist das nur ein Wirtschaftsfaktor. Ein 120 bis 140 Jahre alter Buchenwald erster Güte bringt etwa 25 000 Euro pro Hektar, wenn das Holz vollständig geschlagen wird. Blieben die Bäume stehen, bis sie nach weiteren hundert bis zweihundert Jahren zusammenbrechen und verrotten, hätte der Forstbesitzer diese Summe in den Wind geschrieben. Über den gesamten Zeitraum hinweg wären das pro Jahr und Hektar ein paar hundert Euro Verlust.

Was bietet der deutsche Wald?

In der Praxis allerdings kämen stillgelegte Wälder häufig billiger, sagt Ulrich Hampicke, vor seiner Emeritierung Lehrstuhlinhaber für Landschaftsökonomie an der Universität Greifswald. Das größte zusammenhängende Laubwaldgebiet Deutschlands beispielsweise, der Thüringer Nationalpark Hainich, sei unter anderem deshalb angelegt worden, weil es billiger war, munitionsverseuchte Flächen einzuzäunen, als zu räumen. Ähnlich im Nationalpark Eifel, wo die älteren Stämme noch voller Granatsplitter aus dem Zweiten Weltkrieg stecken.

Was steht dem forstwirtschaftlichen Verzicht auf der ökologischen Habenseite gegenüber? Zweifellos ein Gewinn, denn morsches und totes Holz bietet Lebensraum für Hunderte von Pilz- und Insektenarten. Zur ökonomischen Rechtfertigung wird in solchen Fällen gern der Tourismus genannt, der durch Nationalparks angelockt werde. Fairerweise muss man einräumen, dass selbst der Ökotourist weniger an modernden Baumstümpfen als an „charismatischen Arten“ interessiert ist. Darunter versteht man etwa den Pandabären, den sibirischen Tiger, den Berggorilla oder das afrikanische Großwild, die allesamt imstande sind, eine Region (und so manche Organisation) durch ihre bloße Existenz zu ernähren.

Was bietet in dieser Hinsicht der vielbesungene deutsche Wald? Hirsch und Wildschwein fallen schon mal weg, deren Bestände müsste man eher reduzieren als schützen. Als Pendant zum Panda könnte man noch Luchs und Wildkatze nennen. Doch wie der Wolf gehen sie dem Menschen möglichst aus dem Weg. Wo man sie ansiedeln will, geht es vor allem darum, sie konsequent in Ruhe zu lassen - eine Strategie, die nicht unbedingt mit touristischen Zielen vereinbar ist.

Weitere Themen

Topmeldungen

Auf der Suche nach Yves Etienne Rausch: Ein Polizeihubschrauber über dem Waldgebiet nördlich von Oppenau

Flüchtiger bei Oppenau : „Der Wald ist sein Wohnzimmer“

Noch immer wird er gesucht: Dass sich vier Polizisten von einem „Waldläufer“ überwältigen ließen, sorgt für Belustigung. Polizei und Staatsanwaltschaft haben daher am Dienstag noch einmal detailliert geschildert, wie es dazu kam.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.