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Biodiversität & Ökonomie : Was kostet die Welt?

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Mitten im Nirgendwo wollte der amerikanische Magnat in großem Stil Kautschuk anbauen, um die Reifen seiner T-Modelle zu bestücken. Zehntausend Quadratkilometer Wald hatte er zu diesem Zweck der brasilianischen Regierung abgekauft. Plantagen wurden angelegt, ein eigenes Kraftwerk und ein Krankenhaus errichtet, dazu Schwimmbad und Kino. 25 Millionen Dollar steckte Henry Ford in das Projekt, das zu einem Desaster führte: In Asien, wohin die Samen von Hevea brasiliensis heimlich geschmuggelt worden waren, mochte der Baum in Plantagen gedeihen. Doch ausgerechnet in Brasilien, wo er heimisch war, wurden solche Monokulturen ein Opfer der Braunfäule. Am Ende revoltierten auch noch die brasilianischen Arbeiter, das Land am Rio Tapajós fiel für einen symbolischen Preis an Brasilien zurück, ohne dass es je auch nur das Gummi für einen einzigen Reifen hervorgebracht hätte.

Henry Ford war ein Kapitalist reinsten Wassers. Ökologische Bedenken wären ihm nie gekommen. Heute gilt als Faustregel für den Regenwald, dass es sich bei ihm eher um eine grüne Wüste als um eine grüne Hölle handelt. Die sprichwörtliche biologische Vielfalt findet sich größtenteils in den Kronen der Bäume, was zu Boden fällt, wird auf der Stelle von Insekten, Pilzen oder Mikroorganismen recycelt. Das Erdreich, in dem die ganze Pracht wurzelt, gehört zu den ärmsten Böden der Welt. Große Profite sind da auf Dauer nicht zu erwarten. Vor allem nicht von Monokulturen. Kahlschlagen lässt sich ein Regenwald nur ein einziges Mal.

Was allzu oft auch geschieht. Jahr für Jahr geht der Bestand der Tropenwälder nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO um ein Prozent zurück. Mehr als doppelt so schnell schwinden Mangrovenwälder, die durch Shrimps- und Fischfarmen ersetzt werden. Moore, Auen, Seen und Flüsse werden in großem Stil trockengelegt, gestaut, begradigt, verschmutzt; nach Schätzungen des World Wildlife Fund bedeutet das Jahr um Jahr für mehr als zwei Prozent aller im Wasser lebenden Wirbeltiere das Aus.

Was ist biologischer Reichtum?

Als hochgradig gefährdet gelten außerdem ein Viertel aller Korallenriffe. Keine konkreten Schätzungen existieren für Graslandschaften, Wüsten und Steppen, wobei auf der Hand liegt, dass produktives Grünland jederzeit in der Gefahr schwebt, degradiert zu werden. Ähnliches gilt für weite Bereiche der Ozeane. Auf dem Vormarsch scheinen einzig und allein die Laub- und Nadelwälder der gemäßigten Breiten zu sein; nach Angaben der FAO legen sie jährlich um 0,1 Prozent zu. Über ihren Zustand ist damit allerdings noch wenig gesagt. Das führt zurück zur Eingangsfrage: Was ist überhaupt biologischer Reichtum?

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, ihn quantitativ zu erfassen. Der sogenannte Shannon-Index beispielsweise beschreibt die Reichhaltigkeit eines Ökosystems auf mathematisch ähnliche Weise wie den Informationsgehalt einer Nachricht oder die Entropie in einem thermodynamischen System. In der Praxis kann man damit gerade mal die relative Häufigkeit einer Spezies innerhalb einer Population aus mehreren Arten bestimmen.

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